Tinas Geschichte

Erstmal kurz zu mir, ich bin inzwischen 22 Jahre alt und seit 2 Jahren glücklich verheiratet.
Nun zu meiner Geschichte…
Meine Eltern haben auch sehr früh geheiratet, so wie ich. Sie haben lange auf mich warten müssen, fast 12 Jahre.
Ich wurde in eine gute Ehe geboren, sie liebten sich und waren noch zärtlich zu einander.
Doch das änderte sich mit den Jahren. Als ich ca. 4 Jahre alt war wurde mein Vater psychisch krank.
Erst sagte man Parkinsons, dann keine Ahnung, dann manische Depressionen… dann fand man etwas in seinem Kopf wo sich aber niemand herantraut, daher ist es einfach eine manische Depression mit Ansätzen von dem BPS.
Mein Vater wurde aggressiv, vergesslich und zog sich in seine Welt zurück. Er machte endlos viele Therapien. Meine Mutter liebte ihn und stand ihm bei und tat alles was sie konnte für ihn. Auch wenn sie manchmal nicht weiter konnte, sie erinnerte sich dann immer an ihr Eheversprechen: „ In guten sowie in schlechten Tagen und in Gesundheit und Krankheit“.

Ich wurde älter und kam so mit 10 in die Pubertät. Ich begann schwierig zu werden, sehr schwierig.
War selbst eine Zeit lang depressiv und begann mit Selbstverletzung. Ich wurde in der Schule gemobbt und sah keinen anderen Ausweg für mich. Das ich aber nicht nur mich selbst damit verletzte wusste ich nicht. Mit meinem Vater wurde es immer schlimmer. Er wusste bald nicht mehr in welche Klasse ich gehe oder ob ich überhaupt noch zur Schule gehe oder gar auf welche Schule… aber er erinnerte sich noch das er eine Familie hat, denn die konnte er rumkommandieren.

2001 dann die schlechte Nachricht. Ich war 14. Mama kam nach Hause, ich räumte gerade die Spülmaschine aus. Sie sagte zu mir: „Maus, ich habe Brustkrebs und muss demnächst ins Krankenhaus operiert werden“. Mehr wurde darüber nicht gesprochen. Am Tag ihrer OP schrieb ich eine Französisch Klausur, die ich natürlich mit einer glatten 6 vermasselt habe, weil ich in Gedanken im Krankenhaus war und nicht in Frankreich, verständlicher Weise.

Sie bekam dann Chemo und Bestrahlung. Während der dauernden Krankenhausaufenthalte musste ich für meinen Vater Kindermädchen spielen und den Haushalt schmeißen.. eigentlich hätte es genau anders herum sein müssen…. Mama erholte sich und stand schon bald wieder mit beiden Beinen im Leben.

Den Stress meiner Pubertät lasse ich mal aus.
Nur soviel, ich habe Mama nur einmal weinen gesehen und das war wo unser Familienhund Blacky nach Mamas OP ebenfalls an Krebs operiert wurde.

Im Sommer 2005 lernte ich meinen Mann Tobi kennen, da war ich 18. Er zog im Dezember bei uns ein, da sein Stiefvater ihn vor die Tür gesetzt hatte. Mama nahm ihn auf wie ihren eigenen Sohn. Mein Vater stellte ihn überall stolz vor: „Das ist mein Sohn, und das daneben, ja das ist seine Freundin!“

Über Silvester fuhren wir zu Tobis Bruder an den Bodensee. Am 2.1.2006 kamen wir nach Hause.
Papa saß vorm TV und Mama war nicht da,… auf mehrmaligen nachfragen, sagte er uns, sie sei den Tag zuvor ins Krankenhaus gekommen, weil sie keine Luft bekam.

Mein, damals noch, Freund und ich fuhren sofort zu ihr. Sie hatte Wasser in der Lunge und sollte in die nächste Großstadt in eine Lungenfachklinik. Dort sagte man mir, dass sie auch Wasser in einer Herzkammer hätte. In der modernen Zeit des Internets, suchte ich da nach Lösungen. Ich fand immer nur Krebs, Krebs, Krebs….

Einige Wochen später rief Mama mich abends an, ich lag schon im Bett. Sie weinte. „Mama, was ist los mit dir? Warum weinst du?“ „Ich, ich, ich habe Krebs… Lungenkrebs!“ Ich begann zu weinen. Mein Mann lag neben mir und hörte mit, auch er begann zu weinen.
Ein zweites Mal Krebs… ein harter Schlag.

Aber meine Mama war ein starker Mensch, eine Kämpfernatur.
Klar durch die Chemo und Bestrahlungen bekam sie Atemprobleme und konnte daher nicht mehr so wie sie wollte, aber sie lebte und es ging ihr soweit gut.

2007 im Juli heiratete ich meinen Mann. Mama regelte alles und machte den Tag für uns zu dem schönsten unseres Lebens. Auf der Feier blühte sich richtig auf, sie tanzte und machte Späße. Sie war wieder ein lebensfroher, lustiger Mensch an dem Abend.

Im Sommer 2008 verwirklichten mein Mann und ich unseren Traum. Ein eigenes Haus weit weg von da wo wir aufgewachsen sind, weit weg von der Vergangenheit. Um genau zu sein 500km weit weg. Mama wollte auch hochkommen, sobald sie eine passende Immobilie gefunden hat, sagte sie damals.

Heute weiß ich, sie wollte nicht hochkommen, sie wollte mich auf Abstand bringen, weil sie es wusste, was passieren wird.
Wir telefonierten jeden Tag, schrieben Abends immer bei MSN.

Eines Tages sagte sie mir, sie hätte angeblich so eine Art Fäden in der Lunge und die Ärzte wollen mit 12(!) Chemos die wegbekommen. Im September bekam sie 3 oder 4 Stück so weit ich es weiß, danach.

Mein Vater, er wusste wie krank sie war, schwieg aber. Am 1.10.08 verließ er sie. Ich wusste das er sie nur krank macht und hieß es für gut. Er zog in meine Stadt. Mama w0llte nun auch schnell hoch zu mir ziehen, nichts mehr mit Abstand, sie wollte es wirklich.
Etwa einen Monat später erreichte ich Mama nicht mehr, ging mehrere Tage so. Das war Ende Oktober/Anfang November. Ich rief ihre beste Freundin an und erfuhr sie sei im Krankenhaus. Dort angerufen und am selben Wochenende runtergefahren.

Sie sah so schlecht aus, konnte keinen Kot oder Urin halten. Hatte kein Gefühl in den Fingern und hatte keinen Geschmack mehr. Ich weiß, ich hätte es da schon sehen müssen. Aber ich dachte, nach endlosen Gesprächen mit ihr, dass das nur die Folgen der Chemos sind und sie zwar ein Pflegefall wird, was aber nicht heißt, dass sie mich nicht weiter nerven kann(so sagte sie es). Ich habe die restlichem Chemos verboten, ich hatte eine Patientenvollmacht die mich im Pflegefall entscheiden ließ. Weitere Chemos hätten sie noch mehr zerstört, soweit konnte ich denken.

Fortan fuhren wir jedes Wochenende zu ihr. Auch am 1. Weihnachtstag. Da war sie bereits in einem Pflegeheim untergekommen. Sollte auf Zeit sein, bis bei uns in der Stadt ein Platz frei wird, ich hoffte so schnell wie möglich(so hart es klingt). Sie sah fortgehend schlechter aus. Ich hätte es doch sehen müssen. Sie weinte wenn ich nur kurz aus dem Zimmer gegangen bin. Am zweiten Weihnachtstag mussten wir sie im Krankenhaus besuchen, das direkt nebenan lag. Sie hatte in der Nacht Schmerzen bekommen im Bauch.
Sie lag nun auf der Palliativstation. Ich hätte es spätestens jetzt verstehen müssen.

Sie schlief, wir wollten sie nicht wecken. Wir gaben der leitenden Schwester für Notfälle unsere Telefonnummer und meine Handynummer. Gingen nochmal in ihr Zimmer um ihr einen Kuss zu geben, sie wachte auf. Ich sagte ich noch, dass sie bald bei uns oben ist und ich sie dann jeden Tag besuchen komme.
Und danach sagte ich ihr, dass ich sie liebe, wenn ich gewusst hätte, dass es das letzte Mal ist.
Ich gab ihr einen Kuss und verabschiedete mich. Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

Wir mussten noch einige Dinge erledigen und brachten frische Wäsche ins Pflegeheim, da sie am selben Tag entlassen werden sollte. Dort ließ ich eine Karte für sie auf dem Bett liegen. Eine Geburtstagskarte. Sie hatte am 2.1 Geburtstag. Am 31.12. kam sie wieder ins Krankenhaus. An ihrem Geburtstag rief ich sie dort an und gratulierte ihr. Aus welchen Gründen auch immer sagte ich ihr da nicht, was sie mir bedeutet. Das bereue ich so sehr.
Das war das letzte mal dass ich ihre Stimme hörte.

Am 5.1 abends gegen 23 Uhr rief das Krankenhaus an, es sehe nicht gut aus und wir sollen bitte so schnell wie möglich kommen. Ich realisierte nicht was er sagte und legte auf. Wir fuhren nicht, sondern gingen schlafen.

Am nächsten Morgen um 9.35Uhr ist sie eingeschlafen und ich war nicht da. Ich lag im Bett und hatte fürchterliche Schmerzen und wusste nicht warum. Gegen 10 Uhr klingelte mein Handy, das Krankenhaus, nun wusste ich warum. Ich holte meinen Mann von der Arbeit und wir packten schnell ein paar Sachen zusammen und fuhren runter. Wäre ich doch nur den Abend zuvor gefahren…

Mein Vater kümmerte es einen Scheißdreck,.. er kümmerte sich um gar nichts. Mein Mann und ich mussten alles alleine machen. Wir bezahlten alles aus eigener Tasche. Wir ließen sie dort einäschern und ließen sie hier im nahegelegenen Friedhof beisetzten. Es schneite fürchterlich an dem Tag.
Da war mein Vater da, aber danach nie wieder… ich höre seitdem nur noch über Anwälte von ihm.

Nun, 8 Monate nach ihrem Tod, sitze ich hier und schreibe wie ferngesteuert ohne jede Grammatik diese Geschichte nieder und weine so viele Tränen.

Ich habe es noch immer nicht realisiert und wähle fast täglich ihre Nummer. Bis vor kurzem klingelte es wenigstens noch, seit neustem „Kein Anschluss unter dieser Nummer, the number you have dialed…“.

Sie ist nun hier oben, so wie ich es ihr versprochen habe, nur leider besuche ich sie nicht jeden Tag.
Es kostet mich so viel Überwindung zu ihr zu gehen, manchmal zu viel.

Es blieb so viel unausgesprochen und ungefragt. Wenn ich nur einmal die Chance hätte in ihre Augen zu sehen und zu sehen sie schaut zurück.
Ich vermisse meine Mama so sehr, dass ich kaum noch atmen kann.

Meine Mama wird niemals vergessen sein, sie lebt in meinem Herzen weiter und wenn sie ihren Traum erfüllt Oma zu werden, dann in dem Kind.

Mama, ich liebe dich über alles!!!! Danke für alles was du für mich getan hast!!! Ich wünscht, ich hätte die Augen nicht vor der Wahrheit verschlossen…. es tut mir leid

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