Sascha`s Geschichte

Ich (31 Jahre, männlich) hatte immer Angst vor diesem Tag. Wie sehr liebte ich doch meine Mutter schon als Kind! Sie war die schönste, beste, liebste, tollste Mutti der Welt! Alles hat sie für mich getan, sie hat mich so sehr mit ihrer Liebe verwöhnt, dass ich glücklich war, weil SIE meine Mutti ist! Anders als mein Vater, der sich mehr mit sich selbst beschäftigte und Kummer schnell im Alkohol ertrank, stellte sie persönliche Interessen hinter meine, war immer für mich da, tröstete mich und gab mir in jeder noch so ausweglosesten Situation neuen Mut und ihre schier endlos scheinende Kraft. Ihr verdanke ich die schönste Kindheit, die ein Mensch sich nur vorstellen könnte. Alles tat sie für mich, sie zeigte mir an meinem Geburtstag, wie sehr sie mich liebt, zelebrierte jedes Weihnachtsfest zu einem einzigartigen Erlebnis und alles war schön, nicht weil es mein Geburtstag oder Weihnachten war, sondern weil es meine Mutti war. Also wuchs ich
zum jungen Mann heran und verlor nie die Liebe zu meiner Mutter. Selbst als ich erwachsen wurde, konnte ich mit meinen Problemen zu ihr gehen, sie hatte immer ein offenes Ohr und sah mir schon auf die Entfernung jede kleinste Sorge an. Ich war ein typischer Junge, der natürlich cool sein wollte, also sagte ich nie "Ich hab Dich lieb, Mutti" ... seine Mutti küssen? Das ist doch out! Auch Kummer habe ich ihr bestimmt bereitet, doch nichts tat ihrer Liebe Abbruch, sie ließ mich meinen Weg gehen und ich kehrte immer wieder zu ihr zurück. Es war der 15.Dezember 2009, als sie mich anrief. "Mutti" stand auf meinem Handydisplay und ich rechnete mit einem ihrer sorgenvollen Anrufe um mich. Etwas genervt ging ich ran. Und sie erzählte mir von dem Untersuchungsergebnis. Krebs. Aber alles nicht so schlimm, es ist das Anfangsstadium, es ist alles operabel und muss nur bald behandelt werden. Zu diesem Zeitpunkt wußte sie schon, dass alles viel schlimmer ist, konnte mir aber den bevorstehenden Krankenhausbesuch nicht verschweigen. Die Operation verlief sehr kurz. Metastasen im Bauchfell, die Chirurgen taten nichts weiter als das Nötige, klärten meine Mutter über alles auf und teilten ihr mit, dass sie nur noch wenige Wochen bis Monate zu leben hätte. Wieder teilte sie mir mit, dass alles reparabel ist, man hätte den Krebs entfernt, keine Metastasen gefunden und die umliegenden Organe "eingewickelt", um sie zu schützen. Heute weiß ich, dass sie mich eingewickelt hatte, um mich zu schützen.
Sie kam wieder nach Hause, doch ihr Gesundheitszustand wurde nicht besser, im Gegenteil. Bald konnte sie nicht einmal mehr essen, der Mensch, der das Essen so sehr genoss! Auch auf die Toilette schaffte sie es kaum noch, brach ein- zweimal zusammen. Ostermontag war ich bei ihr, wollte gerade gehen. Da fing sie schrecklich an zu zittern, lief blau an. Ich rief den Notarzt, der nahm sie mit. Eine Stunde Wartezeit fühlte sich an wie die Ewigkeit. Danach bat man uns (meinen Bruder und mich) rein, wir gingen in ein steriles Zimmer, wo sie lag und lächelte "Es geht mir schon wieder besser!" Man fuhr sie hinaus auf den Flur, als plötzlich ein großer, stämmiger Mann uns den Weg versperrte. Dr. "Sowieso" las ich auf seinem Namensschild. Seine Miene war ernst, er sprach sehr leise und besonnen "Ich kann Ihnen nicht sagen, ob sie das überleben wird. Ihr Zustand ist sehr ernst!" Wir begleiteten unsere Mutter aufs Zimmer, streichelten sie, trösteten sie. Ich
besuchte sie, doch ihr Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Am Donnerstag bat uns die behandelnde Ärztin wieder zur Seite "Ihr Zustand ist jetzt sehr ernst. Wir müssen schon in den nächsten Stunden mit dem Schlimmsten rechnen!" Von da an blieb ich im ständigen Wechsel mit meinem Bruder an ihrem Bett - Tag und Nacht. Sie lebte noch eine ganze Woche und während sich meine Gebete am Anfang noch auf ihre Genesung richteten, betete ich bald schon nur noch um Erlösung. Es war furchtbar, sie litt Höllenqualen, hatte große Schmerzen und veränderte sich bald mit jeder Minute. Ich sah Dinge, die ich mein Leben nie vergessen werde, unabhängig davon, dass sie meine Mutter war, es war emotional ein kontinuierliches Bergab. Ich sah, wie sich das Fleisch in die Knochen grub, wie die Adern hervorstießen und schleichend blau liefen, sah, wie der Krebs durch ihre Blutgefäße wanderte und konnte einfach nichts dagegen tun, musste hilflos mit ansehen,
wie sie Ängste und Qualen litt.
In dieser Woche sagte ich meine Mutter geschätzte Hundertmal wie sehr ich sie liebe, wie dankbar ich ihr bin. Ich verstand nach und nach, dass sie von Anfang an keine Chance hatte.
Es war Freitagmorgen, als ich aufstand, um mich anzuziehen und ins Krankenhaus zu gehen, um meinen Bruder abzulösen. Als es an der Tür klingelte, wußte ich genau, was das zu bedeuten hatte. Mein Vater bat mich, ihn einzulassen. Mit den Worten "Mutti ist eingeschlafen" brach er in meinen Armen zusammen. Wir gingen gemeinsam zum Krankenhaus, nahmen jeder für sich noch einmal Abschied. Ich weinte fürchterlich... Nie mehr wird "Mutti" auf meinem Handydisplay stehen. Das alles verstehe ich nach und nach. Wenn ich auch froh war, denn der Mensch, der mich über alles liebte, wird nie mehr Schmerzen leiden, wird sich nie mehr ärgern müssen. Er ist erlöst. Noch am Sterbetag füllte ich eine Patientenverfügung aus, weil ich mir sagte, dass ihr Leiden mindestens einen Sinn erfüllen sollte. Ich kann es nur jedem empfehlen: überlasst diese Entscheidung niemals Euren Angehörigen! Selbst wenn sie Euren Willen genau kennen, werden sie in dieser Situation nicht Gott spielen und über Euch richten, wenn sie Euch lieben! Trefft diese Entscheidung selbst und bei klarem Verstand! Mutti, ich liebe Dich und ich werde Dich nie aus meinem Herzen gehen lassen! Bitte bleib immer bei mir und stütze mich in jeder Situation mit Deinem Rat und Deiner Kraft! Ich danke Dir, dass Du bei mir bist! Ich habe Angst vor der nächsten Zeit, vor den Geburts- und Feiertagen, die da noch ohne sie kommen. Am 7.Mai wirst Du beerdigt...

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