Patricias Geschichte

Am 30.04.2006 um 09.30 Uhr bekam ich von der Lebensgefährtin meines Vaters einen Anruf. Sie teilte mir mit, dass mein Vater (47 Jahre) eine Hirnblutung habe und im UKM operiert wird. Ich war zu dieser Zeit in Hamm zu Besuch und hatte es daher zum UKM nicht so weit. Ich informierte meine Schwester und wir machten uns alsbald auf den Weg. Auf dem Weg ins UKM schossen mir Tausende Gedanken durch den Kopf.

~Anfahrt~
Von der Autobahn aus konnte man die Klinik gut erreichen weil sie schon von der Autobahn aus ausgeschildert war.
~Was war passiert?~
Wir erkundigten uns an der Information wo mein Vater sei und trafen auf dem Weg zur Stroke Unit (fast das gleiche wir Intensivstation) auch auf seine Lebensgefährtin. Die war natürlich fix und fertig. Sie erzählte uns, mein Vater habe in der Nacht Kopfschmerzen bekommen und wollte nur eine Tablette nehmen. Allerdings hat er dies nicht mehr geschafft. In der Küche brach er zusammen und rief immer wieder „Mein Kopf, mein Kopf!“ Der Notarzt brachte ihn ins Krankenhaus, von wo er gleich nach Münster gebracht wurde.

~Stroke Unit~
Auf der Stroke Unit angekommen war mein Vater schon fertig mit der OP, wo man ihm ein Loch in den Kopf bohrte um den Druck, der aufgrund der Blutung auf dem Hirn lag, abgelassen wurde. Man muss sich das so vorstellen: Das Hirn schwimmt in Hirnwasser, welches automatisch von den 4 Hirnventrikeln abgelassen wird. Blutet das Hirn aber, kann das Hirnwasser nicht so schnell ablaufen und es entsteht ein Druck auf das Hirn welcher tödlich sein kann.
Wir zogen uns in der Schleuse die blauen Kittel an und desinfizierten unsere Hände. Eine Schwester brachte uns ins Zimmer. Und was ich da sah... das werde ich nie vergessen. Überall Schläuche, Tropfe, Piepsen, der Schlauch, der aus dem Kopf meines Vaters kam... Bald darauf kam ein Arzt, der unsere Fragen beantwortete. Was passiert ist, ob mein Vater wieder gesund werden würde... Prognosen für die Zukunft wollte er nicht stellen. Er erklärte uns, dass das Zentrum für Sprache und Kreislauf geblutet haben. Das beruhigte uns irgendwie, denn so konnte eine bleibende Lähmung der Gliedmaßen ausgeschlossen werden. Des Weiteren würde mein Vater erst mal im künstlichen Koma liegen, weil die Schmerzen einfach so groß wären, dass das jemand bei Bewusstsein nicht aushalten und in Ohnmacht fallen würde. Das klang für mich plausibel. Wir schauten uns im Zimmer um. Wir hatten das Glück, dass mein Vater ein Einzelzimmer hatte. Die Schwester erklärte uns den Beatmungsgerät, die Medikamente und wir schauten u
ns den Beutel mit dem Hirnwasser genauer an. Ich wollte schließlich wissen, was alles passiert.
Man nahm uns jedoch schnell die Hoffnung auf eine schnelle Heilung. Wir müssten Geduld haben. Also habe ich fix einen Arbeitskollegen angerufen und zwei Wochen Urlaub eingereicht.

~Beatmung~
Nach drei Tagen wurde bei meinem Vater ein Luftröhrenschnitt gemacht, wodurch er dann anschließend beatmet wurde. Der Arzt erklärte uns, dass die Beatmung durch den Mund maximal 5 Tage betragen sollte. Es ist für den Patienten einfach unangenehm, durch den Mund beatmet zu werden. Außerdem ist es für das Pflegepersonal schwierig, „Pflege“ zu machen.

~Pflege~
Was versteht man unter Pflege? Ganz einfach: Der Patient wird am Körper gewaschen, wenn nötig umgezogen, Zähne putzen, Körper pflegen und umgebettet damit er nicht wund liegt. Das Pflegepersonal legt zur Begrüßung die Hand auf die rechte Schulter meines Vaters. Das soll ihm zeigen, dass jemand da ist, der ihn kennt. Außerdem sagen die Schwestern ihm auch, was sie machen, damit er sich nicht erschreckt oder Angst hat. Was jemand letztendlich im Koma mitbekommt ist ungewiss, aber ich weiß, dass mein Vater ziemlich viel, wenn auch durcheinander, mitbekommen hat.

~Ärzte~
Natürlich hatten wir mit verschiedenen Ärzten Kontakt. Aber ich möchte ein ganz großes Lob an Dr. Möddel aussprechen. Er hat sich richtig Zeit für uns genommen, uns die Bilder vom CT gezeigt, woher man gut ersehen konnte, dass das Blut im Kopf sehr gut absorbiert wurde. Er zeigte uns Vorher- und Nachherbilder, zeigte uns auf, was für Risiken bzw. Spätfolgen entstehen können und und und... Hier fühlten wir uns immer gut beraten. Mit Prognosen für die Zukunft hielten sich die Ärzte jedoch generell zurück. Auch auf konkrete Fragen wurden mir nicht die Antworten gegeben. Das hatte aber auch einen einfachen Grund: Sobald mein Vater noch nicht wach war, konnte man nicht viel sagen. Man prognostizierte uns leichte Sprach- und Bewegungsstörungen.

~Lecker Essen~
Mein Vater bekam durch einen Schlauch in der Nase seine Astronautennahrung. Die war sogar mit Geschmack. Wieviel er davon bekommen hat, weiß ich gar nicht mehr so genau.

~Wie wacht man aus dem künstlichen Koma auf?~
Nach 3,5 Wochen war es soweit. Die Ärzte erklärten uns, dass man meinen Vater nicht von heut auf morgen einfach aufwachen lassen können. Das ist ein Prozess, der über mehrere Tage stattfindet. Die Medikation wird langsam herunter gefahren und der Patient befindet sich nach ein paar Tagen (bei meinem Vater find es nach ca. 5 Tagen an) in einem dämmerähnlichen Zustand. Er hatte zwar die Augen geöffnet, war aber nicht voll da. Des Weiteren hatte er starke Probleme, Gegenstände oder Personen mit den Augen zu fixieren. Das sei aber ganz normal, so die Ärzte. Langsam reagierte mein Vater auf uns, bewegte die Hand auf Verlangen. Er war immer noch intubiert, atmete aber gut mit, nachdem er das Atmen wieder gelernt hatte. Die Maschine atmete nur dann, wenn er es „vergaß“. Wenn man lange künstlich beatmet wird dann muss man das selbstständige Atmen erst wieder erlernen.

~Tubus~
Mittlerweile lag mein Vater auf der normalen Station. Der Tubus konnte erst entfernt werden, wenn mein Vater den Schlucktest bestanden hat. Das hat ziemlich lang gedauert und deswegen konnte er lang nicht sprechen. Er wußte manchmal überhaupt nicht, warum er da ist. Er hatte es einfach vergessen. Wir gaben ihm Stift und Papier. Viel lesen konnten wir nicht weil er die Buchstaben alle aufeinander geschrieben hat. Das waren die Nebenwirkungen von den Medikamenten. Als der Tubus entfernt war, konnte man meinen Vater nicht so gut verstehen. Er hatte einfach noch nicht genug Kraft, um die Luft aus der Lunge durchzudrücken, so die Ärzte. Aber das würde noch werden.

~Krankengymnastik~
Jeden Tag, ob er wollte oder nicht, musste mein Vater Krankengymnastik machen. Sein Muskeln waren so geschwächt, dass er nicht einmal allein sitzen konnte. Die Physiotherapeuten waren auch alle total nett und erklärten uns, welche Übungen für was wichtig waren.

~Entlassung~
Am 12.06.2006 wurde mein Vater in die Frühreha nach Bad Oeynhausen verlegt. Wir dankten den Ärzten noch mal und man schickte uns mit besten Hoffnungen nach Bad Oeynhausen.

~ Dank~
Im Namen meiner ganzen Familie möchte ich dem Team der Stroke Unit für die intensive Betreuung danken. Die Pfleger haben einen Knochenjob und kümmern sich rührend um die Angehörigen der Patienten. Wir haben uns stets wohl gefühlt. Auch in Momenten der Verzweiflung ermahnte man uns, Geduld zu haben und unserem Vater einfach die Zeit zu geben, die er braucht.

~~~~Reha~~~~
Nachdem also mein Vater wieder aufgewacht war, riet man uns zur Frühreha. Die Sozialarbeiterin rief mich auf der Arbeit an und meinte, sie bräuchte innerhalb der nächsten halben Stunde eine Entscheidung über die Klinik, in der wir meinen Vater verlegen wollten. Gut, ich versuchte daraufhin seine Lebensgefährtin (LG) zu erreichen. Fehlanzeige. Aber ich konnte mich erinnern, dass wir uns eine Klinik in Lingen ausgesucht hatten, weil diese über eine Intensivstation verfügte. Dies teilte ich dann auch so der Sozialarbeiterin mit die daraufhin nur meinte: "Also, die Klinik am Osterbach verfügt auch eine Intensivstation. Das muss nicht immer im Internet stehen. Und da habe ich nur Gutes gehört." Also stimmte ich zu, meinen Vater nach Bad Oeynhausen in die Frühreha zu schicken.

~Der erste Eindruck~
Mein Vater wurde am 12.06.2006 in die Klinik gebracht. Ich konnte ihn nur am Wochenende besuchen da die Klinik 220 km weit entfernt war. Also sind meine Schwester und ich am 15.06.2006 das erste Mal hingefahren, denn da war ein Feiertag.
So, die gesamte Anlage machte einen sehr gepflegten Eindruck. Vor dem Eingang befand sich eine Terrasse mit Anbindung zur "Cafeteria" (oder besser Kiosk) sowie ein kleiner Minigarten. Das Wetter war herrlich und ich malte mir schon aus, meinen Vater im Rollstuhl durch die Gegend zu schieben ;-) Auf der Terrasse saßen zumeist Frauen, die meiner Meinung nach keine körperlichen Gebrechen hatten. Das war der Punkt, an dem ich das erste Mal stutzen musste. Und mein Gefühl sollte mich im weiteren Verlauf nicht täuschen.
Das Gebäude sieht im Eingangsbereich sehr "chillig" aus, überall Sofaecken, in einer Ecke stand auch ein Fernseher. Die Flure waren sehr dunkel und wurde auch nicht von den Lichtquellen sonderlich erhellt. Ich denke mal, dass das Absicht war, um es gemütlicher aussehen zu lassen. Wir betraten also das Zimmer meines Vater. Das war eigentlich ein Zwei-Bett-Zimmer aber er lag dort allein drin.

~Das Zimmer~
Mein Vater lag in einem alt aussehenden Bett. Das Bett konnte man mittels Fernbedienung in verschiedene Positionen bringen. Und dies hatte mein Vater auch bitter nötig denn von allein konnte er sich noch nicht aufrichten. Das Bad war sehr großzügig geschnitten. Ist ja auch klar, denn man muss ja auch an die Leute denken, die nicht laufen können. Die kann man dann mit Rollstuhl unter die Dusche stellen. So einen speziellen Rollstuhl hatte mein Vater auch auf dem Zimmer. Das Zimmer war an sich sehr hell durch zwei großzügige Fenster und war insgesamt auch in Pastelltönen gestrichen.

~Das Essen~
Also, meinem Vater hat es nicht geschmeckt. Er war aber schon immer ein Leckermaul und versuchte uns zu bestechen, dass wir ihm mal was von McDonalds mitbringen sollten ;-) Da er aber noch Probleme mit dem Schlucken hatte, ging das natürlich überhaupt nicht. Ich habe nur gesehen, was er abends zu Essen bekommen hatte. Brot mit Wurst oder Käse, natürlich kleingeschnitten. Und er konnte dann auch noch Joghurt essen sowie Tee trinken. Der Tee wurde mit einem Pulver angedickt weil er sonst zu flüssig gewesen wäre. Mein Vater mochte dieses Pulver überhaupt nicht aber die Gefahr, dass er sich verschlucken könnte, war einfach zu groß.

~Personal~
Ohne Witz... nicht ein Mal war ein Arzt bei uns und hat mit uns gesprochen. Ich war es gewohnt, zumindest mal einen kleinen Zwischenstand zu erfahren. Aber da hatte die Ärztin keine Zeit oder war nicht da. Es war ja auch ein Feiertag und die halbe Belegschaft hatte sich Urlaub wegen dem Brückentag genommen. Wir besuchten ihn also Donnerstag, Freitag und Samstag. In dieser Zeit wurden ihm NICHT die Haare gewaschen. Auch wurde sein Wunsch nach einem Friseur nicht gewährt wegen den Brückentagen. Das letzte Mal Krankengymnastik war am Dienstag.
Und jetzt noch der absolute Oberhammer: Da mein Vater Flüssigkeit intravenös verabreicht bekam, musste die natürlich immer wieder eine neue Infusion her. Also kommt die genervte Schwester, wechselt die Infusionen aus und rauscht wieder aus dem Zimmer. Und was sehe ich??? In dem Schlauch waren bestimmt 5 cm Luft. Meine Schwester hielt den Tropf an und wir riefen die Schwester. Die kam wieder genervt, dieses Mal noch mehr, und ließ den Tropf solange in einen Becher laufen, bis die Luft weg war. Aus Spaß sagte ich noch zu meinem Vater: "Siehst du, ich habe dein Leben gerettet!"

~Abschied~
Ich weiß noch genau, wie ich meinen Vater das letzte Mal verabschiedet habe. Er lag auf dem Bett, mit dem Kopf zum TV und winkte uns zu. Ich ging zu Tür, dreht mich ein letztes Mal um, und sagte: "Ich habe dich lieb!" Es sollte das letzte Mal sein, dass ich meinen Vater lebendig sah.

~Mein persönlicher Weltuntergang~
Es war der 22.06.2006 (10 Tage nach der Einlieferung) als ich auf der Arbeit (11:20) einen Anruf von der LG meines Vaters bekam. Er sei in ein Krankenhaus gekommen. Man wüßte nicht genau was los ist, vielleicht etwas mit dem Herzen oder eine Lungenembolie. Sie trug mir den Sachverhalt so locker vor, ich machte mir keine Sorgen. Wir vereinbarten, dass sie mich anruft, wenn sie aus der Klinik wieder daheim ist. Das sollte also gegen 20 Uhr sein.
Also hab ich schnell bei wikipedia nachgelesen, was eine Lungenembolie ist. Aha, wenn man sie früh erkennt, ist das alles kein Problem. Er hat es schon ein Mal geschafft und würde es auch dieses Mal schaffen.
Um 17:52 Uhr klingelte mein Handy. Ich saß noch im Büro, wollte noch ordentlich Stunden machen, damit ich Freitag früh los kann um ihn zu besuchen. Mein ganzer Urlaub war ja aufgebraucht. Die LG meines Vaters, weinend, sagt zu mir: "Der Papa ist gestorben. Was soll ich denn nur tun?"
Was danach passierte, das behalte ich mal für mich. Das ist mir zu persönlich.

~Aufklärung~
Was war überhaupt passiert? Niemand konnte mir sagen, was überhaupt los war. Die LG meines Vaters stand unter starken Beruhigungsmitteln. Mein Vater ist schon um 12:58 Uhr gestorben. Sie kam erst gegen 14 Uhr in dem Krankenhaus an.
Also, gegen 11 Uhr klagte mein Vater während der Krankengymnastik (Wow, endlich!) an Brustschmerzen und Atemnot. Hier war jedoch schon alles zu spät, wie mir der Chefarzt aus dem Krankenhaus in Bad Oeynhausen erklärte. Selbst 6 Stunden früher und man hätte nichts machen können. Ihr fragt euch sicherlich, warum mein Vater in ein Krankenhaus gebracht wurde. Ja, das frage ich mich auch. Später habe ich herausgefunden das die Klinik überhaupt keine Intensivstation hat. Obwohl mir das von der Sozialarbeiterin zugesagt wurde.
Ich habe versucht, einen Schuldigen zu finden. Man fällt nicht einfach um und stirbt. Man hat aber auch nicht eine ungefähr zwei Wochen alte Thrombose (mein Vater war nur 10 Tage in der Klinik) im Körper die herum wandert, ohne dass es jemand merkt. Also habe ich Akteneinsicht aus dem Krankenhaus gefordert. Ich wollte eigentlich auch Akteneinsicht von der Klinik. Habe mir jedoch später gedacht, dass die eh alles ganz fix noch schön schreiben können. Also habe ich es sein lassen können.
Mein Vater ist nur 47 Jahre alt geworden.
gez. Patricia

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