Papakind von Merle

In diesem Jahr verlor ich meinen Vater, mit anderen Worten mein Gegenstück. Denjenigen, mit dem ich mich immer ohne Worte verstand, der mir ähnlicher war als jeder andere, der es schaffte mich zum Lachen zu bringen ohne auch nur ein Wort zu sagen. Wir verstanden uns ohne große Worte und das war auch gut so. Denn über seine Gefühle reden mochte mein Vater nicht, ebensowenig wie ich. Aber wir sahen uns an und wir wussten Bescheid. Dass ich mehr nach meinem Papa komme als nach meiner Mutter, höre ich schon seit meiner frühesten Kindheit. Doch meinen Vater und mich verband viel mehr als nur unsere Gene. Uns verband unser Humor. Wir wussten immer, was der andere gerade denkt. Oft kam es vor, dass wir uns nur ansehen mussten und einen Lachanfall bekamen, während sich die anderen nur fragten warum. Keiner verstand – nur wir. Er war derjenige, der auf den Familienfesten den ganzen Tisch zum Lachen brachte. Und bevor er einen Witz erzählte, leuchteten seine Augen wie die eines kleinen Jungen. Und er musste sich schon vorher das Lachen verkneifen. Nichts machte mich stolzer als die Tatsache, seine Tochter zu sein. Es kommt mir vor als wäre es gestern gewesen, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich verfluche diesen Tag, an dem ich sagte "Bis dann" und dann 2 Wochen zu meinem Freund fuhr. Warum war ich so naiv zu glauben, dass wir uns auf jeden Fall wiedersehen werden? Warum hab ich nie daran gedacht, dass ihm etwas zustoßen könnte? Ihn das erste Mal im Krankenhaus zu sehen, war der schlimmste Moment meines Lebens. Mein Papa, der noch nie wirklich schlimm krank gewesen war, dort angeschlossen an den ganzen Schläuchen. So viele Apparate mit merkwürdigen Anzeigen, die mir Angst machen. Er lag einfach nur da, die Augen halb geöffnet. Sein Blick war so leer, wie ich ihn nicht kannte. So hatte er mich noch nie angesehen. Dort war immer ein Leuchten in seinen Augen, wenn er mich ansah. Dort war immer ein Lächeln auf seinen Lippen. Doch jetzt lag er einfach nur da. Ich nahm seine Hand und sagte ihm, dass ich jetzt wieder zuhause bin und dass alles wieder gut wird. Ich habe so gehofft, dass er plötzlich die Augen öffnet, weil er meine Stimme hört. Weil sie etwas in ihm wieder einschaltet, den richtigen Knopf drückt und wir dann in ein paar Tagen einfach wieder nachhause gehen können und alles so sein wird wie vorher. Aber nichts passierte. In diesem Moment wusste ich, dass es nicht einfach in ein paar Tagen wieder gut sein würde. So etwas merkt man ganz schnell. Die Ärzte und Schwestern haben diesen bestimmten Blick. Außerdem weiß man es einfach. Mir liefen die Tränen über die Wangen. Wir sind doch ein Team und funktionieren perfekt. Wie kann man uns das nur antun?

Mein Papa blieb 4 Wochen im Krankenhaus. 4 Wochen, in denen uns die Ärzte keinerlei Hoffnung auf Besserung machten. Sie sagten er habe durch die vielen Wiederbelebungen einen schweren Hirnschaden erlitten, würde nie wieder zu einer Reaktion fähig sein. Doch wir konnten und wollten ihn nicht aufgeben. Wenn ich ihm schon nicht helfen konnte, so wollte ich jedenfalls die letzte sein, die ihn aufgibt. Er kam in ein Pflegeheim in unsere Nähe und er machte Fortschritte. Er hielt Blickkontakt wenn man mit ihm sprach, seine Mimik war fast wie früher. Er fing an die Arme und Beine zu bewegen. Er nickte wenn man mit ihm sprach und ich hatte das Gefühl, dass er verstand, was ich ihm von zuhause erzählte. Jedes Mal tat es mir so weh, ihn dort liegen zu sehen. Jedes Mal hatte ich Angst, dass jeden Moment etwas passieren konnte. Ich konnte nie lange bei ihm bleiben, weil es mir zu sehr wehtat und mir zu viel Angst machte, ihn so zu sehen. Er war mir plötzlich so fremd. Und das tat unglaublich weh. Der Mensch, den ich sonst in- und auswendig kannte, war plötzlich so anders. Es tat weh, nicht mit ihm scherzen, nicht mit ihm lachen zu können. Trotz allem spürte ich, dass er mich erkannte, auch wenn er nicht mit mir reden konnte. Immer wenn er mich sah, lächelte er. Seine Augen wurden ganz groß, wenn jemand meinen Namen erwähnte und er drehte seinen Kopf um mich sehen zu können, wenn ich noch an der Tür stand und mich nicht reintraute. Egal, wie viele Menschen außer mir im Raum waren, egal, wer gerade mit ihm sprach – er hielt immer nur Blickkontakt zu mir, folgte jedem meiner Schritte. Jedes Mal wenn ich ging, hatte ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, ihn dort alleine zu lassen. Ich hätte ihn so gerne wieder mit nachhause genommen.

Jede Nacht hatte ich Angst, dass das Telefon klingelte und man mir sagte, dass es ihm schlechter geht. Auch tagsüber zuckte ich bei jedem Klingeln zusammen, fing an zu zittern, traute mich nicht ans Telefon zu gehen. Es kamen Lungenentzündungen dazu, die ihn zurückwarfen, doch er überstand alles. Er kämpfte für uns.

Er schlief, als ich ihn das letzte Mal besuchte. Wir weckten ihn vorsichtig auf und er öffnete ganz langsam die Augen. Als er uns sah, lächelte er über das ganze Gesicht, es war der schönste Moment seit langem. Ich hatte ihm ein Türschild gebastelt und zeigte es ihm, er lächelte als ich ihm sagte, dass ich es selbst gemacht hatte. Dann verabschiedeten wir uns, da ihm immer wieder die Augen zufielen. Er starb 2 Tage später.

In dem Moment als es soweit war, spürte ich es. Es war ein Vogel, der es mir mitteilte. Er saß im Garten auf einer Kugel und sah mich ganz lange an, bevor er wegflog. Und in Gedanken sagte ich meinem Papa, dass ich ihn lieb habe. Seitdem sehe ich ihn in jedem Vogel und weiß, dass er bei mir ist und mich beobachtet.

Ich werde ihn immer in meinem Herzen tragen. Eine von tausend Eigenschaften meines Vaters trage ich voller Stolz in mir: Selbst in den schlimmsten Momenten der Sehnsucht, Trauer, Hilflosigkeit oder Verzweiflung habe ich gelacht, herzlich gelacht – wenn auch manchmal unter Tränen. Meist aufgrund der Erinnerung an unsere dummen Witze. Und auch diesen Text beende ich mit einem liebevollen Lächeln in der Hoffnung, dass einer von Ihnen mitlächelt... denn dann ist er nicht umsonst gestorben.

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