meer ohne ufer

als meine mutter starb war ich 15 jahre alt. ich verlor sie zum zweiten mal.
doch dieses mal wurde jede hoffnung erstickt. dieses mal war eines ganz
sicher. sie würde nicht zurückkommen - nie mehr. die schmerzhaftesten worte
von allen, die wie hunderte von messern immer und immer wieder ins herz, in
den ganzen körper gerammt werden: nie wieder...
nie wieder werde ich sie lachen sehen, nie wieder wird sie mich trösten, nie
wieder kann ich sie etwas fragen, nie wieder...
ein freund fragte mich, "wie sich das anfühlt". ich antwortete, es ist eine
ohnmacht. der tod macht ohnmächtig. es ist einfach nicht möglich auch nur
irgend etwas zu tun. ich sagte, er solle sich vorstellen allein in einem
meer zu treiben -zum schwimmen fehlt die kraft und man weiß auch gar nicht,
wohin. ein endloses, schwarzes meer in dem es keine insel gibt und keine
ufer in sicht sind. und während er treibt fragt er sich ununterbrochen, was
er bloß tun soll und es will ihm einfach nichts einfallen. (er konnte es
sich natürlich nicht vorstellen.) eigentlich ist es ganz einfach. man
verliert das wertvollste, was man hat und weiß, dass es nichts und niemand
jemals ersetzen kann. und das ist unabänderlich.

mein vater verließ die familie wegen einer jüngeren frau als ich sechs jahre
alt war. davon hat sich meine mutter nie erholt. sie wurde schwer depressiv.
plötzlich war nicht nur mein vater weg sondern auch meine mutter. sie saß
vor mir und war einfach nicht mehr da. sie machte eine lange erfolglose
therapie und wurde schließlich auch körperlich sehr krank.
sie litt an einem lungenemphysem. meine ohnehin schon sehr zierliche mutter
wurde im laufe der jahre so dünn, dass man ihr sagte sie sähe "verhungert"
aus. ein alptraum oder eine erkältung konnte eine so schwere atemnot
verursachen, dass sie mit blaulicht ins krankenhaus gefahren werden musste.
dort erholte sie sich aber immer sehr schnell. doch während des letzten
aufenthaltes im august vor acht jahren erholte sie sich nicht mehr, sie
starb ohne vorwarnungen und unerwartet an herzversagen.

zu diesem zeitpunkt hatte ich weder zu meinem fünf jahre älteren bruder noch
zu meinem vater ein gutes verhältnis. mein vater machte es sich "bequem" und
beschloss, dass ich nicht mehr zu seiner lebensplanung gehöre, da ich ja
immerhin die dreistigkeit besaß, nicht so sein zu wollen wie er mich gerne
hätte. dazu muss ich anmerken, dass es sich hierbei nicht um eine böse
unterstellung handelt sondern um eine tatsächliche aussage meines vaters.
ich wünschte mir trotzdem nichts mehr als bei ihm leben zu dürfen. da er
mich aber so hart ablehnte, zog ich in eine betreute jugendwohngemeischaft
und verbrachte dort die schrecklichsten drei jahre meines lebens.

als ich 18 und wieder etwas stabiler war, nahm ich mir eine kleine wohnung
und ging zur gymnasialen oberstufe. ich nahm wieder kontakt zu meinem vater
auf und wir verstanden uns zum ersten mal richtig gut. wir konnten
miteinander reden. endlich, dachte ich, wird das, was noch übrig ist, gut.
einige monate später erhielt mein vater die diagnose pankreaskrebs in
fortgeschrittenem stadium. für eine chemotherapie war es zu spät. eine
operation brachte ihm zwei beschwerdefreie monate und dann ging alles ganz
schnell. er starb zu hause mit blick auf seinen garten und im beisein seiner
zweiten frau. es klingt etwas makaber, aber schöner kann ein tod kaum sein,
glaube ich. wenigstens das.

zwei monate später brach ich mein abitur ab. ich zog mich zurück, blieb
wochenlang zu hause und litt höllenqualen. nach über drei monaten dachte
ich, entweder sterbe ich jetzt oder ich werde mich aufraffen und irgendetwas
tun. ich entschied mich für letzteres, zog in einen von meiner heimatstadt
700 kilometer entfernten ort, in dem ich niemanden kannte und brach
sämtliche brücken hinter mir ab. meine vergangenheit verdrängte ich so gut
es in der fremde ging und zunächst ging es überraschend gut.
zwei jahre machte ich erfolgreich eine ausbildung, dann kam der totale
zusammenbruch. ich habe eine therapeutin aufgesucht. doch eine stunde
gespräch pro woche sind bei dieser problematik nicht wirlkich hilfreich
und auch medikamente sind auf dauer keine lösung. also entschied ich mich
für eine stationäre therapie. diese steht nun unmittelbar bevor und ich weiß
nicht, was mich in der klinik erwartet. aber ich sehe das als letzten
ausweg. mittlerweile habe ich auch akzeptiert, dass menschen, denen solche
erfahrungen so früh im leben nicht erspart bleiben, einfach nicht so
funktionieren können wie menschen, die ein zuhause haben, sicherheit und
stabilität. ich will leben, ich will glücklich werden. soweit das irgendwie
möglich ist. und ich sage mir immer wieder, dass es ganz bestimmt nicht im
sinne meiner eltern ist, dass ich leide oder mir das leben nehme. sie
wünschen sich ganz sicher, dass ich es irgendwie schaffe. ich habe noch nie
eine antwort erhalten, wenn ich mit meinen eltern gesprochen habe und ich
weiß nicht, woran ich glauben soll. aber ich habe oft das gefühl, sie
schauen mir über die schulter und sind in meiner nähe. und wenn ich dann
meinen vater nach alter manier sagen höre "mach das ja anständig!" und mir
plötzlich ein "ja, papa" rausrutscht, schaut mich jemand schief an und das
ist wirklich zum lachen ulkig.

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