Jennifers Geschichte

Es war an einem Dienstag abend Ende März im Jahre 1995,meine Mutter,eine Insulinpflichtige Diabetikerin erlitt plötzlich 2 Hinterwandsinfarkte die leider unbemerkt blieben.Ich muß hinzufügen das ich ein Wunschkind war,da meine Mom bereits 44Jahre alt war als ich auf die Welt kam.Zum Zeitpunkt ihres Todes war ich 16,also mitten in der Pupertät und mit mir beschäftigt.Mein Leben verlief bis dahin vollkommen normal,behütet aufgewachsen,2 Schwestern die beide schon eigene Familien hatten.Meine große Schwester lebte da bereits in den USA(unserer "Heimat",da wir eigentlich Amis sind) und meine zweite Schwester ging im Jahre 1997 nach Amerika.
Nun zurück zu diesem relativ warmen Märztag.
An diesem Dienstag ging es meiner Mom schon ziemlich übel,sie spürte einfach irgendwie das was nicht stimmte.Ich war an diesem Nachmittag mit meinen Freundinnen zum Bummeln verabredet.Natürlich bat mich meine Mom daheim zu bleiben,da sie sich nicht wohl fühlte und miesmutig blieb ich dann auch zuhause.Zwichenzeitlich kam auch meine Schwester mal vorbei und ich konnte damals nicht verstehen warum sie nicht mal da bleiben konnte und regte mich tierisch auf.Und obwohl ich nie schlecht über meine Mutter geredet hatte sagte ich zu meiner Schwester im Zorn:"Mensch,warum kannst Du nicht mal nach der Alten schaun?"

Meine Schwester kam gar nicht zum antworten,denn unbemerkt stand meine Mom hinter mir und hat alles mitangehört.
Ich werde nie vergessen wie diese kleine Frau,die einen ganzen Kopf kleiner war als ich, in ihrem Nachthemd mich ansah und sagt:"So,ich bin also nur Deine Alte?Darüber war ich mir nie bewußt!"
Sie drehte sich um und ging zurück in ihr Schlafzimmer.
Natürlich tat mir das schon leid bevor ich es ausgesprochen hatte,aber als Teenager steckt man sowas leicht weg.
Da war ich nun in meiner Rage,hab mich in meinem Zimmer verschanzt,die lauteste Musik angeschmissen die ich hatte und schob Frust.Ich wollte sie nicht mehr hören oder sehen!

Gegen 18h kam mein Dad dann nachhause und rief sofort unseren Hausarzt,der sie dann sofort ins Krankenhaus überwies.Nie hätte ich gedacht das es alles mal so enden würde.Nein,ich regte mich noch tierisch auf das sie selbst auf der Trage mich noch ermahnte meinem Dad was zum Abendessen zu kochen.Kann man so dumm sein wie ich?
Im Krankenhaus stellte man dann fest das sie mehrere Hinterwandsinfarkte hatte.
Mittwoch Nachmittag habe ich sie dann besucht und wunderte mich das sie auf einer normalen Station liegt und nicht auf intensiv.Als ich bei den Ärzten nachfragte wurde mir erklärt das die Intensivstation für "wichtige Fälle" sei,und ich soll mir doch keinen Kopf machen,es geht ihr doch gut. Irrtum!

Als ich dann so an ihrem Bett saß unterhielten wir uns noch das ich jetzt auf meinen Dad aufpassen soll und ich vergessen hatte ihre Augentropfen einzupacken und sie sie noch brauch.Ich fasste das Ganze natürlich wieder total falsch auf und fühlte mich wieder als Sklave der ihr jetzt auch noch diese dummen Augentropfen bringen darf.
Natürlich versprach ich ihr sie noch zu bringen,nur leider fand ich es Abends viel wichtiger mit Freundinnen zu labbern und mich zu amüsieren also dachte ich mir,es kann ja nicht sooooo schlimm sein einen Abend ohne Tropfen zu sein.
Ich gab ihr nicht mal einen Kuß als ich mich verabschiedet habe,den ich empfand es als albern seine Mutter mit fast 17 Jahren noch zu küssen.Außerdem ging es ihr ja gut,ich würde doch am nächsten Tag eh wiederkommen.
Und so wurde es dann Donnerstag und ich ging zur Schule,ärgerte mich über den vergeigten Englischkurztest und freute mich auf mein Pausenbrot.

Ich werde nie dieses Gefühl vergessen als mein Klassenlehrer nochmal ins Zimmer kam und mich ansah. Ich hatte gerade meine Jacke angezogen und mein Pausenbrot in der Hand.Er kam auf mich zu und sagt nur:"Jenny,deine Schwester ist da,Deine Mutter....".
Weiter kam er nicht den ich wußte was los war.Ab diesem Zeitpunkt hatte ich kein Zeitgefühl mehr.Ich habe nicht geantwortet,gar nichts.Ich hab meine Schulsachen liegenlasse,ich verabschiedete mich nicht mal.es war alles so scheiß egal.Ich drückte irgendjemandem,ich weiß nicht mehr wem,mein Brot in die Hand und bin 5 Stockwerke hinunter "geschwebt",bis da meine mittlere Schwester stand,Tränen in den Augen.Nein,sagte ich und sie nahm mich am Arm und riss mich mit in ihr Auto das sie fast schon in der Aula geparkt hatte.

Ich erinnere mich das wir wie vom Teufel verfolgt zum Krankenhaus fuhren, und meine Schwester vor lauter verzweiflung auch noch leicht gegen eine Mauer fuhr als sie einparkte.
In windeseile sind wir hoch gerannt zu Intensivstation,rein in diese Intensivstationsklamottemn und durch die Schleuse.Es war alles so unwahr,wie in Watte gepolstert.Und da lag sie.Mein Dad saß heulend und hielt ihre Hand.Er stand auf und sagte ich solle mich hinsetzen:"Sit down,honey.Show your mom that your here."Das tat ich dann und ich weinte nicht,mir liefen zwar die Tränen(so wie jetzt),aber ich weinte nicht!

Da lag sie nun,mit Schläuchen im Mund,an die Herz-Lungenmaschine,mit diesen furchtbaren Geräusch der Beatmungsmaschine,dem regelmäßigen Piepsen jedesmal wenn ihr Herz zu einem künstlich erzeugten Herzschlag animiert wurde.
Eine junge Schwester kam zu uns und sagte mir ich solle doch die Zeit nutzen ihr Dinge zu sagen oder zu gestehen die ich ihr sonst nie erzählt hätte.Sie meinte sie sei sich sicher das sie mir alles verzeihen würde,ohne böse mit mir zu sein.Schließlich höre und spüre sie mich doch.Also tat ich das,ich beichtete alles,meine ersten heimlichen Zigaretten,meinen ersten heimlichen Sex und so manches was mir einfiel.

Und irgendwie half es mir,es war so vertraut.Und dann kam die Oberärztin ins Zimmer,sie schaute gar nicht wer da saß sondern labberte gleich drauf los.Sie sagte:"Wer sind sie denn?Was machen sie denn hier?"."ich bin die Tochter und ich unterhalte mich mit meiner Mutter".Sie sagte:"Ach Kindchen,was soll den der Blödsinn?Die Frau ist schon seit letzter Nacht tot.Eigentlich sollten diese Maschinen schon aus sein und dieses teure Intensivbett frei für jemanden der es noch brauch.Und außerdem,sie könnten der jetzt erzählen was sie wollen,die kriegt das eh nicht mehr mit!".Drehte sich um und ging raus.
Wie kann man das einem Menschen in dieser Situation sagen?Was für ein Mensch muß man sein?
In der Zwischenzeit kam der Bruder meiner Mutter und meine Tante und der Mann meiner Schwester und der Pfarrer.Und nun stellt euch mal vor,diese Oberärztin hat mir verboten bei der letzten Ölung meiner Mutter dabei zu sein."Sie müßen auch mal an die anderen Patienten denken.Wir können hier doch keinen Staatsauflauf machrn."

Also hat mich diese dumme Kuh von der Station verwiesen.Nach ungefähr 30Minuten kam mein Dad mit meiner Schwester raus und sagten mir das sie nun in ein Einzelzimmer kommt und er dabei sein würde wenn die Maschine abgeschalten wird.Wir sollen heim und unsere große Schwester anrufen.Tage später erfuhr ich dann das der Spätdienst versäumte sie noch auf Intensiv zu verlegen und sie am morgen dann verlegt werden sollte.Es wäre zuviel Arbeit gewesen sie noch zu verlegen.Nachts hatte sie dann wohl 2 oder 3 richtige Herzinfarkte die von einem jungen Mädchen bemerkt wurde die sich das Zimmer mit ihr teilt.Bis aber alle notwendigen Maßnahmen durch´geführt wurden war meine mom bereits Hirntot.Sie hatte also keine Chance.Natürlich wurde jede Verantwortung vom Krankenhaus zurück gewiesen.Sie hätte sich mit aller Macht gegen eine Verlegung gewährt,was aber egal ist.Ich bin selber in der Medizin mittlerweile ausgebildet und weiß das Ärzte auch eine Zwangsverlegung machen können.Und jeder Laie weiß das man nach mehreren Hinterwandsinfarkten auf intensiv muß,aber egal.Das machte sie auch nicht mehr lebendig.

Ich kann nicht sagen wie ich mich fühlte oder wie es war,es passierte einfach alles so.
Zuhause angekommen saßen wir bestimmt 5 minuten vor dem Telefon weil sich keiner traute anzurufen.Wir Mädels hatten alle eine enge Bindung zu unserer Mutter.
Aber ich tat es,ich wählte und hörte die zweimal klingeln bis meine Schwester schlaftrunken ranging.Klar,durch dir zeitverschiebung war es mitten in der Nacht.
"Hello?"sagte meine Schwester."Ich bins Trudy,Jenny"."Hey kleine,weißt Du wie spät es ist?",sagte Trudy(Meine große Schwester).Was dann folget werde ich nie vergessen:"Trudy,setz dich hin!",sagte ich sehr gefasst.Trudy antwortrte nur:"ok,machs nicht so spannend!Sag bloß mama hat doch im Lotto gewonnen?"
Ich mußte es ihr sagen:"Trudy,bitte bleib jetzt ganz ruhig.Trudy,Mama ist tot!".
In diesem Moment hörten wir nur noch einen Knall und dann die Schreie meiner Schwester.
Einen Augenblick später hatte ich meinen Schwager am Telefon der schlaftrunken ans Telefon ging und fragte was los sei,Trudy sei vom Bett gefallen und schreit wie eine Irre.Als ich ihm sagt was passiert sei meinte er nur"Scheiße" und das sie gleich zurück rufen.

Das taten sie dann auch,und sie gaben uns gleich die Daten wann wir sie in Frankfurt am Flughafen abholen konnten.Und das taten wir auch.Zwei Tage später war sie da.
An diesem Samstag war dann die Aufbahrung auf dem Friedhof.
Wir hatten ihr ihr Lieblingskleid ausgesucht,zartrose,und ihren Lieblingsschmuck.
Am Montag habe ich mich dann in der Schule bei meinem Klassenlehrer gemeldet und als ich an die Klassenzimmertür klopfte und hineintrat schauten mich alle Klassenkameraden an.Mein Lehrer kam zu mir und nahm mich in den Arm.Er meinte ich soll mir alle Zeit der Welt nehmen,aber das wollte ich nicht.Also sagte ich ihm das ich zu allen Prüfungsterminen erscheinen würde,da es darum ging die mittlere Reife zu machen.

Das tat ich dann auch,ich habs tatsächlich geschaft,und das macht mich stolz auf mich.
Die Beerdigung ging ziemlich an mir vorbei,ich war zwar dabei aber ich war nicht anwesend.All diese Beileidsbekundungen ließ ich über mich ergehen.
Ich weiß bis heute nicht wie ich das machte,aber in der Nacht nach der Beerdigung bin ich wohl mitten in der Nacht los,hab mich angezogen und bin die 5Minuten zum Friedhof im stockdunkeln gegangen.Meine Familie hat wohl schnell bemerkt das ich weg bin und fand mich dann im Dunkeln mitten auf dem Grab liegen,schlafend vor.
Ich lag da also im dunkeln auf dem frischen Grab,zwischen Erde und Kränzen und Blumengestecken.Ich erinnere mich nicht daran und kann es mir bis heute nicht erklären.Eigentlich bin ich eher ängstlich im Dunkeln und ich mag auch keine Erde.
Aber das schlimmst kommt noch.Allmählich,nach 12Wochen kehrte "Alltag" ein.Es gab noch mich und meinen Dad.Eines Tages kam ich nach der Berufsschule heim und fand eine fast leere Wohnung vor.Auf einem Zettelvon meinem Dad stand das er es nicht alleine aushält ind zur cousine meiner mom gezogen ist.Es tut ihm leid.
In vollkommener Panik rief ich meine mittlere Schwester an das sie mit zu ihm kommen müßte und mir helfen.Bei ihm angekommen war er ein ganz andere Mensch.

Denn letzten Satz den ich von ihm hörte war:"Ich weiß nicht wie ich die letzten 38Jahre Ehe überstanden habe und ich wünscht ihr deri Kinder wärt nie geboren worden!".
Das war das letzte mal das ich mit meinem Vater sprach.Im Jahre 95 und 96 habe ich zwei mal versucht mir das Leben zu nehmen.Ich war ganz allein.Ich wohnte in einem Zimmer bei fremden Leuten im Keller.Ich mußte von 120DM Kindergeld leben,weil sich scheinbar niemand für mich interessierte.Ich hatte keinen Kontakt zu meiner großen Schwester.Sie wollte mich mit nach USA nehmen aber mein Vater hat ihr erzählt das ich das nicht wollte,was nicht stimmte.Mir erzählte er das Trudy mich nicht will da ich schuld am Tod unsere Mutter sei.Und Trudy erzählte er ich sei Heroin abhängig und gäbe ihr die Schuld.Ich sei schließlich so abgemagert,das müssen Drogen sein.Das war es aber nicht,es lag daran das ich manchmal wochenlang von Toastbrot und Tee lebte,weil ich kein Geld hatte,ich mußte ja Katzenfutter und meine Busfahrkarte bezahlen.Zur Schule mußte ich ja trotzdem.

Nun ja,irgendwann hab ich mein Leben dann in den Griff gekriegt,meine Ausbildung gemacht,einen eigene Wohnung,Führerschein und so weiter.
Mittlerweile habe ich einen tollen Partner und mein Leben verläuft"normal".
Ich habe ein tolles Verhältniss zu meinen Schwestern und plane irgendwann in den nächsten 5Jahren auch nach Amerika zurück zu gehen.
Zu meinem Erzeugen habe ich keinen Kontakt obwohl er nur 10 Minuten von mir entfernt wohnt,aber was er sich geleistet hat macht mich zu Vollwaisen.
Es ist komisch,auch nach nun 10 Jahren tut es immer noch sehr weh und es vergeht kein Tag an dem ich nicht an meine mom denke.Es ist nur so schlimm das die Erinnerung immer grauer wird.Ich kann mich nur noch an so wenig erinnern,nur wenige Situationen in meinem Kopf sind noch lebendig.Klar hab ich fotos und so,aber der Klang ihrer Stimme ist nicht mehr in meinem Kopf.Ich weiß noch wie sie in ihrem Sarg liegt,der Rand des Beatmungsschlauchs als Abdruck auf ihren Lippen,und ich weiß noch wie sich ihr kalter,steifer Körper anfühlte und ich ihr fotos von all denen in Sarg legte die nicht da sein konnten.Bilder ihrer Enkelkinder die in USA lebten und die sie nur vom Telefon kannte.
Ich habe auch 5 Jahre gebraucht bis ich das letzte Überbleibsel von ihr weggab.Kleider,Gläser aus denen sie das letzte mal trank und so.

Ich weiß das sie keine Heilige war und damit muß ich leben.Und wenn ich heute noch von Freunden höre:"ja,meine Mama hat dies und jenes gemacht.....",da spüre ich manchmal schon Neid.Ich hätte sie auch gerne mal dabei gehabt wenn ich heirate oder wenn ich mal Kinder habe.Aber sie kann eben nur in meinem Herzen dabei sein.
Und auch wenn ich jedes Jahr an ihrem Todestag traurig und depressiv bin,habe ich erkannt das es nicht meine Schuld war.Ich war selber noch ein Kind und man kann Kindern nicht so eine Verantwortung übergeben,nicht wenn man gerade dabei ist sein eigenes Leben zu entdecken.Und heute weiß ich auch das es falsch war zu versuchen meinem Leben ein Ende zu setzen,denn es war nicht meine Schuld,auch wenn es immer noch weh tut.
Und bitte versteht mich nicht falsch,diese Erfahrung hat mich auch positiv verändert,ich kann für mich sorgen,mich kriegt dso leicht nichts unter und ich gebe nicht so schnell auf.Das sind Eigenschaften die mir immer wieder hoch angerechnet werden und die meine Freunde an mir schätzen.

Klar bin ich oft traurig,aber dann weine ich und unterhalte mich mit meiner mom und es ist wieder gut!
Und auch wenn es sich jetzt echt derb anhört,aber ich bin froh das es so ist wie es ist.
Ich hab vieles meinen Freunden vorraus,ich habe den Schmerz eines solchen Verlustes hinter mir.Ich habe es hinter mir und das ist gut so!

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