Gabys Geschichte

Wir hatten eine supertolle Kindheit. Glücklich, nicht reich, aber sehr liebevoll.
Meine Mutter war eine wundervolle, offenherzige und eben auch liebevolle
Frau. Meine Eltern hatten viele Bekannte und auch Freunde. Bei uns im Haus
war immer etwas los und das liebten wir alle. Jeder mochte meine Mutter auf
Anhieb, ob jung oder alt.
Sie war die Mitte in unserem Familienleben. Sie dirigierte und organisierte
alles und war für uns immer da.

Meine Mutter hatte schon länger Beschwerden im Nierenbereich bzw. im Rücken.
Immer mal wieder und dann war alles wieder gut, laut ihr selber.
Nach einer routinemäßige Untersuchung,der sie immer nach ging, wurde Sie ins
Krankenhaus geschickt.
Diagnose: Ein Geschwulst im Magen bzw. Darmbereich.

Ich besuchte meine Mama jeden Tag im Krankenhaus. Es war meine Freundin,
aber auch meine Mutter, bei der ich dann immer gut gelaunt und stark war.
Sie lag über Ostern im Krankenhaus und ich war stundenlang mit meiner
Familie dort bei Ihr. Ich schenkte Ihr einen Osterhasen, dessen "Bruder" bei
mir zu Hause war. Wir konnten zu sehen wie es ihr immer schlechter ging.
Dann wurde gesagt eine Operation wäre notwendig um das Geschwulst zu
entfernen bzw. um zu sehen was es genau ist und wo es genau ist.
Mit meinen Brüdern und meinem Vater wurde diese Zeit in der meine Mama im
Krankenhaus lag fast unerträglich. Sie sprachen so wenig über die
Situatuion. Ich wollte reden, nicht alleine sein. Aber geredet hatte ich bis
jetzt immer mit meiner Mama...

Also wollte ich auch so stark sein, wie angeblich meine Männer in der
Familie waren.
Als meine Mama von der Operation wach wurde, sagte sie sofort." Die haben
mich bestimmt so wieder zugenäht." "Dann habe ich Krebs und werde jetzt
sterben." Für mich brach eine Welt zusammen.!!!
Aber die Vermutung bestätigte sich. Meine Mama haben wir ca. 1 Woche nach
dieser Diagnose nach Hause geholt.

Uns war allen klar, ohne reden, das wir sie nun in den Tod pflegen werden.
ich versuchte immer wieder mit meinem Zwillingsbruder, vor allem, zu reden
oder auch Liebe, Zärtlichkeit zu geben bzw. zu bekommen. Er reagierte oft
bissig. Mein älterer Bruder war stark in sich gekehrt. Und mein Vater brach
an dieser Pflegesituation schon fast zusammen. Er bekam damals schon
Aufbaupräparate für sein schwaches Herz.

Ich veruchte soviel Zeit wie möglich noch mit meiner mama zu verbringen. Sie
war nur noch Haut und Knochen. Konnte nichts mehr essen oder trinken. Sie
konnte auch nichts mehr ausscheiden. All dies erfolgte nur noch über
Schläuche und Infusionen. Das starke Morphium machte meine Mama rundum die
Uhr hellwach, aber auch wirr...

Sie riss mir in dieser Zeit büschelweise Haare aus und attackierte meinen 2
Meter großen Bruder mit Faustschlägen...
Immer wieder waren wache, klare Momente wo sie sagte. "Laß mich sterben
Gaby" - "Ich möchte aufschreiben, wer zu meiner Beerdigung kommt" - " Ihr
müßt Papa zwischendurch bitte mal zum Essen einladen" - " Du hast noch kein
Salz an die Kartoffeln gemacht"(Wir hatten die TÜr zum Schlafzimmer
ausgehangen, sodaß meine Mama ständig an unserem Leben in der Wohnung bzw.
Küche teilhaben konnte).
Wir führten nachtwache! Wechselten uns ab. Immer zwei, weil einer alleine
sie nicht mehr halten konnte. Ich war in dieser Zeit einfach nur stark, da
und auch irgendwie alleine.
Meine Mama versuchte sich den Schlauch aus dem Hals zu ziehen... Sie
würde ersticken an Ihrem eigenem Ausgeschiedenem, wenn Ihr das gelingen
würde.

Dann das erste Gespräch mit uns !!
Wir waren uns einig, wieder mal. Sobald etwas mit meiner Mama sein sollte,
wodran sie sterben könnte, aber auch von einem Arzt gerettet werden
könnte. - Wir lassen sie dann HIER in Ruhe bei uns sterben. -

Ich streichelte meine Mama stundenlag am Beinen, Armen oder im Gesicht. Sie
wog nur noch ca. 40 kg, vorher knapp über 100kg.
Dann nach 8 / 9 Tagen klingelte mein Telefon. Ich wußte sofort was los ist.
Der Schlauch war raus. Wir alle standen am Bett. Meine Mama erstickte, sagte
immer wieder laßt mich gehen...
Zuckte minutenlang und war tod.

Theoretisch war das alles klar. WIr wußten es!! ABer jetzt... Es war soweit.
Ich schrie nur. Minutenlang, dann rannte ich raus. Versteckte mich draußen
irgendwo. Keiner durfte mich ansprechen geschweige den anfassen. Mein
Zwillingsbruder war der einzige der an mich ran kam. Aber auch erst nach ca.
1,5 Std.(lt. Aussage meines Bruders).
Am nächsten Tag organisierten wir alles. Ich suchte Kleidung für meine Mama
aus, da der Rest meiner Familie nicht fähig war.
wir fingen an die Wohnung meiner Eltern zu putzen, als wenn wir den Tod raus
putzen wollten. Aber auch denke ich im nachhinein damit wir nicht reden
brauchten.

Ich habe die Wochen danach heulend und schreiend oft in einer Ecke gekauert.
Bin nachts zum Friedhof gefahren. Oder habe meine Freundin stundenlang bei
mir gehalten, nur damit ich nicht alleine bin.
Heute ist das ca. 7 Jahre her. Ich habe den Verlust immer noch nicht
verarbeitet. Heule oft unverhofft. So wie jetzt beim schreiben.
Familienfeiern sind für mich ein Horror geworden. Und meine Brüder und mein
Vater...

Reden weniger als ich über all das. Für mich ist meine Mama immer dabei. Ich
sage wenn sie mir fehlt oder wenn Sie etwas besonderes gemacht hätte in
einer Situation. Darauf bekomme ich meistens keine Reaktion.
Mir wird meine mama ewig fehlen. SIe war ein wichtiger Punkt in meinem
Leben. Sie war meine beste Freundin.
Gaby

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