Ein Brief an meine liebe Mutti

Kleine Info (Dezember 2003):
Daniel ist mein älterer Bruder (24)
Claudia ist meine Stiefmutter (32)
Benno ist seit 4,5 Jahren mein Partner
Mavie ist meine kleine Nichte (4 Monate)
Ich bin 20 Jahre alt

Jetzt ist es schon bald 12 Jahre her, dass du gestorben bist –- mehr als die Hälfte meines Lebens –- und trotzdem bist du oft da in meinen Gedanken, dabei habe ich das Gefühl, dass ich dich kaum kenne. Far away so close. Ich habe so wenige Erinnerungen, so wenig gute.
Manchmal wünsche ich mir wir hätten damals schon eine Kamera gehabt- nur um noch mal den Klang deiner Stimme zu hören, der schon so lange weg ist. Alles was bleibt sind eine Hand voll Erinnerungen und viele Fotos.
9 Jahre und 10 Tage duften wir zusammen sein, dann bist du gestorben genau zu Omas 65. Geburtstag, so als wolltest du ihr noch mal zeigen, dass du sie nicht sonderlich leiden konntest. Zu meinem Geburtstag warst du noch da, wenn eigentlich auch nur körperlich, aber du warst da und ich hatte noch Hoffnung. Wenn ich heute an diesen Tag zurück denke fällt mir eigentlich nur noch ein Satz von Vater ein, den ich heute noch hasse (den Satz meine ich).
Ich sollte leise sein, weil du Ruhe brauchtest und dann sagte Vater zu mir, wenn du wieder gesund bist machen wir ein ganz großes Fest und laden alle Freunde ein und feiern so laut wir wollen. Nur wo blieb die Party die ich mir so sehr wünschte? 10 Tage später warst du tot – ist das noch fair? Ihr wusstet mindestens seit Anfang Dezember, dass es nur noch bergab geht. Keiner sprach von der Möglichkeit, dass du sterben könntest, also gab es diese Möglichkeit auch nicht für mich und so hat mir keiner die Chance gegeben mich von dir verabschieden zu können. Das war nicht gut.
Nicht zu wissen, dass du Wahnvorstellungen hattest von deinen Spritzen war nicht gut. Ich hab bald ein halbes Jahr keinen Kuchen mehr von Oma gegessen, weil du mir gesagt hattest er sei vergiftet. Toll!
Es waren auch einige andere Dinge in dieser Zeit nicht gut. Ich sollte zu Hause bleiben und dir etwas bringen wenn du etwas brauchst – ich hatte es vergessen und war raus gegangen. Du musst zwei Stunden umsonst geklingelt und gerufen haben. Aber was habt ihr erwartet ich war 8 Jahre alt und trotzdem tut es mir leid.
Damals habe ich auch etwas ganz blödes aus einer Kleinigkeit heraus gesagt. Ich war in Daniels Zimmer und konnte nicht raus, weil du vor der Tür Blumen gegossen hast und ich musste warten. Da hab ich laut zu mir gesagt: “Wärst du doch nur im Krankenhaus geblieben.“ Du hast es natürlich gehört, aber ich hoffe, glaube und denke, dass du wusstest, dass es nicht so gemeint war und trotzdem war es hart. Es war halt eher normal, dass du im Krankenhaus warst oder im Bett als wirklich bei uns.
Bevor du ins Krankenhaus bist hast du mir einen Ring gegeben, ich empfand und empfinde es heute noch als eine sehr schöne Geste, leider kann ich den Ring schon seit Jahren nicht mehr finden, aber das ist nicht so schlimm, vielleicht taucht er irgendwann auch wieder auf und dann werde ich an dich denken und schmunzeln.
Die Wende konntest du auch nicht mehr richtig genießen. Die neuen Fahrräder hatte Vater extra bis ins Schlafzimmer getragen, weil du nicht mehr aufstehen konntest und du hast sie nicht eines Blickes gewürdigt, dabei war das für uns so eine große Sache. Wie die Dinge sich so verändert haben hätte dir sicher sehr gefallen - endlich schöne Blumen auch zu deinem Geburtstag mitten im Winter und absolute Reisefreiheit. Ein Auto hattest du ja mit Vater noch gekauft, leider ist es dann meistens nur noch nach Cottbus zu dir ins Krankenhaus gefahren, aber vorher waren wir damit noch mal in Österreich, St.Ullrich – unser letzter Urlaub zusammen.
Ich weiß nicht wie es damals war mit Vorsorge und so, aber ich glaube das es viel zu spät war als der Krebs erkannt wurde. Ich habe noch eine Menge Fotos von uns im Urlaub usw. und du hast überall hinten das Datum aufgeschrieben. Wenn ich irgendwelche Fotos von 88 oder 89 in der Hand habe denke ich manchmal, ob der Krebs nicht schon damals entdeckt werden hätte können.
Der Krebs ist so eine beschissene Krankheit. Vielleicht kenne ich auch nur die falschen Leute, aber bis jetzt ist jeder früher oder später daran eingegangen und das auf so unmenschliche Weise.
Selbst an den Tag als du gestorben bist habe ich so wenige Erinnerungen. Ich weiß nur wie Vater bei Oma unten reinkam ziemlich normal mit Brötchen in der Hand wie immer und plötzlich sagte, dass du tot bist. Und an später als die Bestatter dich in den Sarg legen wollten und du nicht richtig reinpasstest, weil du schon etwas steif warst. Ich dachte du stehst jeden Moment wieder auf, aber das hast du natürlich nicht getan. Und wie hieß das Bestattungsunternehmen: Krebs! Jedes Mal wenn ich dieses Auto sehe könnte ich mit dem Kopf schütteln, aber es gibt ja auch Bestattungsunternehmen die heißen RETHMANN.
Und dein Grab? Ich gehe eigentlich nie an dein Grab und du weißt warum. Weil ich diese oberflächlichen Menschen hasse die nur auf den Friedhof gehen um ihre Pflicht zu tun. So wie immer alle rumjammern, dass es nicht geregnet hat und sie deshalb jetzt auch noch auf den Friedhof fahren müssen. Ich hasse es wenn Leute auf den Friedhof gehen nur weil es von ihnen erwartet wird und nicht um des Toten willen. Unter solchen Umständen will ich eigentlich überhaupt kein Grab haben.
Ich persönlich finde dort einfach keine Ruhe, wenn sich die alten Leute dort wieder über den neuesten Dorfklatsch unterhalten. Es gibt so ziemlich keinen Ort an dem ich mir dir entfernter fühle als auf dem Friedhof. Nur wollen und können das andere Leute anscheinend nicht verstehen. So wie Claudia die es mir immer groß auf die Nase gebunden hatte, wenn sie mal dein Grab gegossen hatte. Was soll das – ihr kanntet euch nicht einmal. Man könnte denken es sollte eine Art Respekt ausdrücken, aber der Tonfall war ein anderer. Fremde Gräber gießen kann ich auch, dass ist eine Erledigung, eine Arbeit wie jede andere, aber genau das sollte es meiner Meinung nach nicht sein.
Irgendwann nachdem du gestorben bist hat Daniel mal Oma gefragt, ob wir jetzt auch eine böse Stiefmutter bekommen wie in so vielen Märchen. Damals haben wir noch darüber lachen können.
Claudia hat so viele Eigenschaften die ich schon immer gehasst habe mit ihrer Inkonsequenz und ihrer Scheinheiligkeit. Ich glaube ich habe sie noch nie richtig lachen sehen, nur aufgesetzt oder gequält mit ihrem Neid und ihrer Missgunst auf alles und jeden. Bei uns gab es nur wir und unsere, jetzt gib es nur noch meine und deine. Das hat schon lange nichts mehr mit einer Familie zu tun.
Und was ist nur aus Vater geworden. Ich war eigentlich ganz froh das er wieder geheiratet hat. Leider hat er sich irgendwie die falsche Frau ausgesucht - nicht nur für mich und Daniel, sondern auch für sich. Ich glaube nicht das er sehr glücklich ist. Das einzig positive was ihn noch aufmuntert ist Marcus. Aber es ist trotzdem auch für den Kleinen keine Familie. Es ist nicht das was ich mir unter einer Familie vorstelle. Ich kann mich erinnern das wir früher immer zusammen Abendbrot gegessen haben und das wir ins Bett gebracht worden. Und jetzt interessiert sich keiner mehr für den anderen. Der Kleine macht was er will, weil niemand mehr Zeit für ihn hat. Kein Abendbrot kein ins Bett gehen nur noch fernsehen. Als ich nach Freiberg bin hat das auch keinen interessiert die drei sind in Urlaub gefahren und ich konnte alleine zusehen wie ich mein Zeug dort hin bekomme. Ohne Benno hätte ich wahrscheinlich alles mit dem Zug schleppen müssen was eigentlich unmöglich ist. Und das schärfste war als ich am Wochenende kurz zu Hause war und gleich die Frage kam was ich den schon wieder hier will. Ich müsste doch mein Zimmer in Freiberg einrichten wenn nächste Woche das Studium anfängt. Falsch ich studiere schon geschlagene 2 Wochen nur mal so zur Info.
Also war ich jetzt erst mal ein ganzes Jahr weg und hab in Freiberg studiert – aber es hat leider nicht so geklappt wie ich es wollte. Es hat einiges nicht zusammengepasst und Physik war nicht gerade mein Freund, aber ich hatte eine schöne Zeit dort mit Studentenpartys und eine wirklich gute neue Freundin hab ich auch gefunden. Ich war vor kurzem bei ihr und ihr kleiner Bruder war da. Sie sagte er heißt Marc und ist 9 Jahre alt. Da musste ich plötzlich sofort an damals denken als ich das Alter hörte. Ich war gerade 9 geworden als du gestorben bist- so klein ist man da noch- hab ich mir gedacht und bin regelrecht erschrocken. So ein kleines Kind war ich damals? So hatte ich das nie empfunden. Ich war viel zu schnell kein kleines Kind mehr.
Und in Freiberg gab es so viele Schwäne – du liebtest Schwäne so sehr. Immer wenn ich einen sehe erinnert mich das an dich.
Opa ist am Sonntag, den 3.März 03, gestorben – ich weiß gar nicht wann ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Samstag wäre meine Fahrt gewesen, aber ich hatte sie verschoben auf Montag, da war es leider zu spät. Opa muss im Krankenhaus immer gesagt haben, dass er mich noch mal sehen will, aber das hat nicht mehr geklappt. Aber dafür bin ich froh, dass ich seinen Wunsch zum 70.Geburtstag erfüllt habe. Er wollte unbedingt, dass ich auf seiner Feier Keyboard spiele. Ich habe es getan auch wenn es nicht überragend war weil ich schon bald 2 Jahre kaum mehr spiele aber das hat eh keiner gemerkt.
Opa hat dort, glaube ich, schon Abschied genommen. Er hat noch mal groß gefeiert mit den Bläsern und dem Frauenchor usw.. Ich denke er wusste ganz genau, dass er bald sterben würde, auch wenn er sich das selbst und uns nie eingestanden hat. Zu seiner Party wusste ich nicht einmal, dass er überhaupt krank ist. Erst im November hatte ich geahnt, dass er Krebs hat und erst zur seiner Beerdigung habe ich erfahren, dass es Brustkrebs war und das auch nur weil irgend jemand gefragt hatte und ich zufällig in der Nähe saß und es hörte.
70 Jahre - er hat sein Leben gehabt, auch wenn ich ihm natürlich gern noch 10 oder 20 Jahre gegönnt hätte, schon allein wegen Oma. Ihr geht es nicht gut seit Opa tot ist. Ihr wächst alles über den Kopf. Sie hat keine Lust mehr und ich kann das sogar gut verstehen. Ich würde ihr gern helfen, aber irgendwie schaffe ich das nicht.
Du hattest nur 36 Jahre Zeit – viel zu wenig. Und es muss so hart für dich gewesen sein zu wissen, dass du deine Kinder nicht mehr groß werden sehen kannst. Es gab und es wird noch viele Anlässe geben bei denen du einfach fehlst. So viele Weihnachten und Geburtstage, Jugendweihe, Abi, so viele große und kleine Probleme über die ich sicher mit dir gesprochen hätte. Ich habe bis jetzt auch so ziemlich alles alleine geschafft, aber mit dir zusammen wäre es sicher schöner gewesen, aber vielleicht auch so viel anders.
Jetzt wärst du schon Oma. Du hättest dich sicher gefreut die kleine Mavie auf dem Arm zu halten. Nun ist alles ziemlich komisch, jetzt ist die “Oma“ jünger als die Mutter.

In Liebe deine Tochter Christiane

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