Biancas Geschichte

Ich (26 jahre, weiblich) habe innerhalb von fünf Jahren meine beiden Eltern verloren; meinen Vater an Krebs (er war erst 45 Jahre alt) und meine Mutter an Multiple Sklerose (sie war 50). Ich kann nicht beschreiben, was in den letzten Jahren bis jetzt bei mir, in mir, los war /ist. Ich kannte meine Mutter nie anders, sie hatte bereits sehr früh die Diagnose MS erhalten, da war ich noch gar nicht auf der Welt. Ich wuchs also praktisch mit dieser Krankheit auf und kannte sie doch zu wenig. Im Grunde bin ich bei meiner Großmutter aufgewachsen, die mir wirklich alles ermöglicht hat. Dass ich heute hier stehe, kurz vor der Vollendung meines Studiums, kann ich ausschließlich ihr verdanken.
Die Krankheit meiner Mutter verschlechterte sich mit den Jahren zunehmends; waren es Anfangs noch leichte Gleichgewichtsstörungen, musste ich gegen Ende zusehen, wie sie ihr Essen nur noch mittels Magensonde bekam und ihr der Katheter gewechselt wurde.
Wenn man aber Tag ein Tag aus nur das sieht, verliert irgendwann alles seinen Schrecken. Du sitzt daneben und bist fast taub weil du diese schrecklichen Dinge dauernd siehst, nichts dagegen tun kannst. Gefühls-taub aber nicht gleichgültig. Doch egal was du versuchst, du wirst diese Krankheit nicht stoppen können. Und dann resigniert man. In dieser Zeit wurde auch mein bis dahin gesunder Vater krank, er bekam Husten, eine Lungenentzündung bahnte sich an. Schon zu diesem Zeitpunkt machte ich mir große Sorgen; der Gedanke an eine Lungenentzündung gefiel mir ganz und gar nicht. Endlich brachte ich ihn dazu, sich mal von einem Arzt anschauen zu lassen. Und dann war es keine Lungenetzündung. Es war Lungenkrebs. Ich war fassungslos. Starr. Bereits in diesem Moment ist etwas in mir gestorben. Ich kannte zwar die MS aber ich wusste nicht mit Krebs umzugehen.
Mein Vater ging anfangs brav zur Chemo aber hatte seine Gedanken viel zu sehr bei seiner in diesem Moment den Bach runtergehenden Firma. Er meinte, er müsse sie retten. Ich meinte, er müsse davor sich selbst retten. Bald darauf kränkelte er sodass er nicht zur Chemo gehen konnte, denn dazu muss man wohl ein intaktes Immunsystem haben, zumindest was Bakterien und Viren anbelangt.
Und dann ging alles ganz schnell. Eines Abends bekam er einen Krampfanfall, seine damalige Freundin war gottseidank zugegen und rettete ihm wohl das Leben. Hirnmetastasen waren das zerschmetternde Urteil. Kaum ausgesprochen, konnte er dann nichts mehr machen, weder gehen noch konnte er viel sprechen. Und von einem auf den anderen Tag war er einfach tot. Wie die Jahre danach so schnell vergehen konnten ohne dass ich komplett verrückt geworden bin weiß ich nicht. Es hat mir aber vieles abverlangt. Ich habe viel abgenommen, sah schon ganz abgemagert aus. Ich war schlapp und lustlos, fühlte nichts mehr, mochte nichts und freute mich über rein gar nichts. Wie oft ich bisher an seinem Grab war kann ich locker an einer Hand abzählen. Ich schaffe es nicht. Ich weiß, er ist tot aber nicht hinzugehen macht es ferner. Ich glaube das ist der Grund. Ein Abwehrmechanismus eben. Tja und vor eineinhalb Monaten traf es meine Mutter. Meine Mutter, die nie eine wirkliche Mutter war. Diese Beziehung war wenn dann immer umgekehrt. Ich sorgte mich um sie und sie brauchte meine Unterstützung. Diese Krankheit hat ihr ihre ganze Persönlichkeit genommen und übrig blieb eine Hülle, ein Schatten. Das liest sich nicht leicht, ich weiß aber es war so. Es waren schon über einen langen Zeitraum keine Gespräche mehr möglich, nichtmal ihre Mimik war sichtbar. Man wusste oft nicht, ob sie gedanklich überhaupt da ist, ob sie versteht, was man zu ihr sagt. Eine Antwort blieb aus.
Das ist hart. Und so erlebte ich sie über Jahre als eine arme Person, die mir irgendwie nahestand aber die ich nicht als Mutter sah. Sie war wohl eher gefühlsmäßig wie eine Schwester für mich.
Das ist meine Geschichte.

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