Leas Geschichte

Hallo, mein Name ist Lea und ich werde bald 18 Jahre alt, leider ohne meine Eltern. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, war sie so gut wie perfekt – eine reine Idylle. Ich habe einen Zwillingsbruder und eine ältere Schwester, mit denen ich mich eben „geschwisterlich“ verstanden habe. Manchmal flogen richtig die Fetzen, aber eigentlich hatte man sich echt gern. Wir lebten alle zusammen in einem großen Haus mit riesigem Garten, alles top- gepflegt; wir hatten eine Katze; die Straße runter wohnten unsere liebsten Spielgefährten und es gab sogar einen Spielplatz in der Straße. Es war die reinste Idylle. Sonntags gab es groß Essen und meine Mutter war zwar eine nicht so schicke, aber sehr aufopferungsvolle Vollblutmutter. Mein Vater war schon immer etwas distanziert, aber er war lieb und war sehr stolz auf uns, war der, der den ganzen Tag gearbeitet hat, sodass wir dann am Abend alle zusammen zu Abend aßen. Ich erinnere mich an so viele tolle Abende und Parties mit Freunden und Verwandten.

Dann wurde mein Vater immer zurückgezogener, abweisend, zum Teil jähzornig. Er war zornig und immer misstrauischer, bis er heimlich das Geschäft schwänzte. Wenn wir als Familie Sachen unternahmen, ging er manchmal einfach plötzlich und meine Eltern haben sich viel gestritten. Eines Abends, als wir mit Verwandten Essen waren, verschwand er plötzlich und rief im Restaurant an, wir sollten selbst sehen, wie wir heimkämen. Als wir bei uns ankamen, hatte er sich im Haus eingeschlossen und wollte sich umbringen. Damals war ich acht. Er kam in die Psychiatrie und es wurde paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Er blieb dort für sechs Wochen, danach schien alles wieder besser zu werden. Stattdessen aber trennte sich meine Mutter zwei Jahre später von meinem Vater, den sie zuvor ein halbes Jahr betrogen hatte. Wir zogen in einen gänzlich anderen Ort, sodass wir nur per Zug unsere Schule und Freunde erreichen konnten. Mit uns zog ihr neuer Freund in unser kleines Mietshaus. Wie sich kurz darauf feststellte, war er jedoch Alkoholiker und in dem dreiviertel Jahr, in dem ich ihn kannte drei mal auf Entzug. Schließlich verschwand er.
Der nächste Freund meiner Mutter war anders. Er hatte bereits ein Kind und brachte meine Mutter schließlich dazu, fast ihre gesamte Freizeit bei ihm zu verbringen. Unsere ehemals ruhige Mutter wollte ihre verlorene Jugend erleben, ließ sich Tattoos und Piercings stechen und wurde sehr abhängig von ihrem Freund. Irgendwann war ich fast immer alleine zuhause, da sie fast nur noch bei ihm war.

Mein Vater derweil versank in Depressionen und ließ unser ehemaliges Zuhause gänzlich verkommen. Nur mein Bruder besuchte ihn noch ab und zu. Meine Schwester verbrachte fast ihre gesamte Zeit bei ihrem Freund.

Als meine Mutter eines Tages wieder ohne uns mit ihrem Freund nach Ägypten in den Tauchurlaub flog, kam sie nie mehr zurück. Bei einem der Tauchgänge war eine unerwartete Strömung aufgekommen, die sie gegen einen Felsen geschleudert hatte und ihr das Genick brach. Außer ihr, starb keiner der anderen Taucher, nur ein weiterer wurde verletzt – ihr Freund. Nach dem Tag ging ein Trubel los: die Staatsanwaltschaften ermittelten wegen Tod im Ausland, die Versicherungen wollten uns den Unfall als selbstverschuldet verkaufen und uns nichts von der Lebensversicherung auszahlen wollten, wir mussten Trauerreden schreiben und Verwandte und Freunde informieren. Damals war ich 15 Jahre alt. Noch an dem Tag, an dem wir es erfuhren trennte sich unsere Familie. Meine Schwester lebt seither alleine oder mit ihren Freunden; mein Bruder bei meinem Vater, der immer wieder zurück in die Klinik muss, weil er nicht damit fertig wird, und ich lebe in einer Pflegefamilie.

Ich kann bis heute, auch zwei Jahre danach noch sagen, dass ich kaum etwas von all dem verarbeitet habe. Dennoch: ich bin in Therapie und gebe mir alle Mühe...

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