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Das Sterben meiner Mutter

 
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starchild93



Anmeldedatum: 16.01.2013
Beiträge: 3
Wohnort: Steyr, Österreich

BeitragVerfasst am: 21.01.2013, 10:56    Titel: Das Sterben meiner Mutter Antworten mit Zitat

Hallo, mein Name ist Tanja, ich bin 19 Jahre alt und im November 2011 habe ich meine Mutter verloren. Es war ein vermeintlich plötzlicher Tod. Doch wenn ich heute, über ein Jahr später auf jene Monate zurückblicke, die Monate vor ihrem Tod, dann ist mir klar... es wäre absehbar gewesen, wenn nur ich oder jemand anders aus der Familie die Zeichen richtig gedeutet hätte. Wenn ich mich zurückerinnere, dann wird mir klar, ihr Sterben hat bereits kurz vor meinem Schulabschluss begonnen. Am besten ich beginne ab diesem Punkt zu erzählen.

Am 2. Juni 2011 hatte meine Großmutter ihren 80. Geburtstag. Sie war ihr Leben lang Mitglied in vielen Vereinen. Bei runden Geburtstagen ist es in unserer Gemeinde üblich, dass der Bürgermeister kommt und einen Geschenkskorb überreicht, und die Leute von den Vereinen machen das normalerweise auch so.

Da für den 9. Juni meinen mündlichen Abschlussprüfungen angesetzt waren, entschied meine Mutter, all den Leuten, die sich für die Woche in der Oma Geburtstag hatte angekündigt hatte, zu sagen, sie würde einfach am 2. einen Empfang für alle geben, weil an den anderen Tagen keine Zeit wäre. Mama baute ein großes und üppiges Buffet auf, mit allem Drum und Dran. Das ganze war sehr Zeitintensiv obwohl ich ihr in meinen Lernpausen geholfen habe. Dabei fiel mir auf, dass sie sehr müde und abgekämpft wirkte. Ich dachte mir nichts dabei und schob es auf den Stress, den sie durch all die Vorbereitungen hatte.

Der Empfang ging glatt über die Bühne, alle lobten Mama für ihr kulianrisches Können und wie toll sie das alles gemanagt hatte. Am 9. dann das große Zittern, da ich nicht nur die selbst gewählten Prüfungen ablegen musste sondern auch einen Zusatz in Mathe, da ich schriftlich geflogen war. Als wir erfuhren dass alle durch sind, das große Aufatmen. Am 10. war dann die große Abschlussfeier, unser Jahrgang hatte eine weiße Fahne geschafft (an meiner alten Schule ist es Tradition eine weiße Fahne zu hissen, wenn keiner durchgefallen ist). Da meine Paten nicht zu der Feier konnten, bereitete meine Mutter am 11. einen Sektempfang für sie vor, wieder Stress pur und sie wirkte schon wieder so fertig.

Danach hatte ich erst mal Ferien. Der Sommer war langweilig, weil diesmal nichts unternommen wurde, keine Ausflüge oder sonst was, wie in früheren Jahren. Meine Mutter hatte ja immer schon die Angewohnheit, am frühen Nachmittag eine Stunde zu schlafen. Doch in dem Sommer nach meinem Abschluss wurde dieser Nachmittagsschlaf immer länger. Teilweise schlief sie dann 4 oder 5 Stunden und nachts dazu die üblichen 8. Und wieder hat sich keiner von uns etwas dabei gedacht. Mein Bruder sowieso nicht weil der immer in seinen Laptop versunken ist, Oma und Papa genauso wenig wie ich. Wir dachten eben, sie hat sich jetzt jahrelang immer abgerackert ohne zu klagen da hat sie sich auch mal etwas Ruhe verdient.

Einmal in diesem Sommer lag ich abends im Bett und las noch ein wenig, wie ich es immer tue. Im Zimmer nebenan lag meine Mutter und hustete. Ich lauschte eine Weile, ob es besser wurde, und wunderte mich, wie sie sich bei der Hitze hatte erkälten können. Irgendwann bin ich aufgestanden und hab ihr eins meiner Spezial-Hustenbonbons gebracht, die sofort alles durchputzen und freimachen, weil sie so mega scharf sind. Sie meinte so "wieso, ich hab doch gar nicht gehustet, nur einmal verschluckt" und sagte es wäre alles in Ordnung. Das Bonbon hat sie aber genommen und am nächsten Morgen meinte sie, es hätte toll geholfen.

Irgenwann im August oder September hat sie sich dann wirklich extrem erkältet und hatte Fieber. Sie blieb nicht lang im Bett, war schnell wieder auf den Beinen, aber sie wirkte geschwächt und war ständig müde. Heute ist mir klar, dass sie sich nicht auskuriert hat. Oma hat von da an imer gesagt, geh doch endlich mal zum Arzt, aber das wollte Mama nicht. Sie meinte nur, welcher Mensch geht denn zum Arzt nur weil er müde ist?

Im Oktober begann ich mein Studium, und Mama hatte schon 3 Jahre zuvor einen Job angenommen, sie war 3 Vormittage die Woche nicht zuhause. Uns fiel auf, dass seit einigen Monaten bei Mama nichts mehr rund zu laufen schien. Sie hinkte mit dem Haushalt hinterher, war ständig müde und ziemlich unkonzentiert. Keiner dachte sich was dabei, wir dachten nur, ja sie ist eben gestresst, daran wirds liegen.

Und dann kam dieser verhängnisvolle Tag im November. Es war der 23., ein Mittwoch. Am Morgen habe ich mit ihr gestritten. Sie fuhr danach zum Einkaufen und ins Büro, wie sie sagte. Mittags kochte sie schnell und danch ging sie in die Garage, zum Müll sortieren. Um 2 Uhr trank sie mit Oma eine Tasse Tee und ging danach nochmak raus und machte mit dem Müll weiter. Kurz vor 3 Uhr kam sie wieder herein um ihre beste Freundin anzurufen. Die hatte aber gerade den Rauchfangkehrer da und so haben die beiden abgemacht am Abend zu telefonieren. Nachdem Mama aufgelegt hatte, sagte sie zu meinem Bruder und mir, sie würde sich jetzt eine Weile hinlegen. Wir dachten uns nichts dabei, es war ungefähr die Zeit ihres üblichen Schläfchens.

Eine halbe Stunde danach ging mein Bruder hinüber zu ihrem Zimmer und klopfte an, weil er sie etwas fragen wollte. Als sie nicht antwortete, dachte er sich nur, nun sie schläft eben, und ging wieder. Um 5 kam Papa von der Arbeit und wir sagte ihm, Mama schläft. Also machte er sich selbst Abendessen, weil er sie nicht stören wollte. Um viertel nach 8 sahen Papa und ich zusammen fern, gegen halb 11 ging ich nochmal an meinen Schreibtisch, weil ich den Laptop ausschalten wollte. Allerdings blieb ich da nochmal hängen, weil ich noch eine wichtige Mail bekommen hatte. Mein Bruder saß auch noch vor dem Bildschirm.

Um 11 stand plötzlich mein Vater in der tür, kreidebleich, ich hätte ihn beinahe nicht erkannt. Er stammelte unverständliche Wortfetzen und nach ein paar Minuten würgte er schließlich den Satz heraus, der alles veränderte. "Ich habe Mama gefunden, sie liegt reglos am Boden, was soll ich jetzt machen?"

Er war nichtmal fähig die Rettung zu rufen. Mein Bruder rannte zum Telefon und ich bugsierte Papa in einen Stuhl, ich weiß bis heute nich woher ich die Kraft dazu nahm denn er ist nicht gerade ein Leichtgewicht. Als mein Bruder mit der Nachricht zurückkam, dass ein Krankenwagen unterwegs war, sprang mein Vater auf und rannte zurück zu seinem und Mamas Zimmer. Ich hatte ein ganz fieses drückendes Gefühl, eine leise Vorahnung, dass etwas nicht in Ordnung war, dass das was da gerade passierte, mehr war als nur ein Ohnmachtsanfall oder etwas was man wieder hinkriegen konnte. Ich ging Papa und meinem Bruder langsam und mit wachsendem Unbehagen nach. Als ich dann vor der Zimmertür stand und sie sah... da wusste ich es, doch ich konnte es ihnen einfach nicht sagen. Ich konnte diesen Anblick nicht ertragen, wie kein Bruder über meiner toten Mutter kniete und versuchte sie zu beatmen und Herzmassage zu machen. Ich drehte mich um und gind die Treppe hinunter ins Vorzimmer, wo meine Großmutter saß und zitterte.

Als die Sanitäter kamen, hatten sie auch eine Notärztin dabei. Als die dann raufrannten zu Mama, da konnte ich einfach nicht noch einmal mit hoch. Oma und ich blieben unten und warteten. Ich rief meinen Freund an und erzählteihm was passiert war und geflüstert erklärte ich ihm dass ich glaubte Mama sei tot. Er versuchte mich zu beruhigen und sagte ich soll nochmal anrufen wenn ich weiß was wirklich los ist mit ihr. In dem Moment als ich auflegte, kam Papa mit einer der Sanitäterinnen herunter. Sein Gesicht sprach Bände und meinetwegen hätte er es nicht aussprechen müssen, denn als ich ihm in die Augen sah, wusste ich, dass ich Recht gehabt hatte.

Wenn ich an diese Nacht zurückdenke, fallen mir ein paar Dinge ein. Ich hing eine Weile am Telefon, nachdem sie uns gesagt hatten, dass es zu spät war. Ich telefonierte mit meinem alten Religionslehrer, der Priester ist und der vor Jahren mein Mentor wurde und immer noch ist. Er versuchte zuerst den Pfarrer zu erreichen, der für unsere Gemeinde zuständig ist. Als der nicht abnahm, versprach er, dass er selbst vorbeikommen würde. Ich erinnere mich, dass er zur tür hereinkam, zu uns ins Wohnzimmer, wortlos. Wir standen auf um ihn zu begrüßen, er sagte kein Wort, kam auf mich zu und umarmte mich, lange. Ich muss dazu sagen, dieser Mann ist für mich wie ein Vater, nein, er IST mein Vater, obwohl wir nicht verwandt sind.
Woran ich mich noch erinnere, ist, dass ich den Rest der Nacht nicht mehr schlafen konnte und auch die folgenden Nächte nicht. Ich konnte keinen Fuß in mein Zimmer setzen, das direkt neben Mamas Zimmer lag, wo sie gestorben war.
Ich erinnere mich... dass man den Todeszeitpunkt auf ungefähr 3 Uhr festgelegt hatte. Als ich ein paar Tage nach ihrem Tod mit Mamas bester Freundin gesprochen habe, die mit der sie kurz vorher noch telefoniert hatte, hat sie mir gesagt, dass sie nachgesehen hat und auf ihrem Anrufprotokoll steht, sie haben um 2 Minuten vor 3 aufgelegt. Das bedeutet sie ging danach in ihr Zimmer und... starb. Ich weiß noch, dass sie nicht im Bett gelegen hat als Papa sie fand. Neben ihr lag die heruntergerissene Nachttischlampe. Sie ist also gestorben gleich nachdem sie das kleine Licht angemacht hat und als sie umkippte hat sie die Lampe mit zu Boden gerissen.

Wenn ich jetzt so über diesen "Bericht" schaue, merke ich, dass ich eine Sache vergessen habe zu erwähnen. Meiner Mutter ist ein paar Jahre vor ihrem Tod von unserer Katze gekratzt worden, an ihrem schlimmen Fuß. Sie hatte einen deformierten Fuß, den hat sie bekommen weil sie sich in ihrer Jugend den Fußknöchel gebrochen hat, und der Arzt hatte das damals nicht erkannt und sie bekam deshalb keinen Gips. Jedenfalls hat unsere Katze sie genau an diesem Fuß gekratzt, ich glaube 5 Jahre bevor sie gestorben ist. Sie ging nicht zum Arzt, obwohl die Kratzer nicht verheilte. Im Gegenteil, das Ganze wurde rasch schlimmer und es dauerte nicht lange, vielleicht 2 Monate und sie hatte offene Stellen, wo die Katze sie erwischt hatte. Sie hat nie viel von der, wie sie es nannte, Schulmedizin gehalten. Sie bearbeitete die offenen Stellen mit allen möglichen Salben und tränkte Bandagen in diversen Tees, die sie dann um das Bein wickelte. Sie hatte immer wieder mal Schmerzen an dieser Stelle. Ganz zu Beginn kamen diese Schmerzen zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten, später nur noch unmittelbar nach dem Bandagieren oder wenn ihr Magnesiummangel zuschlug.
Uns wurde gesagt, die Todesursache war eine Lungenembolie. Ich habe nachgelesen, und mir ist nun klar dass das offene Bein durchaus der Grund dafür gewesen sein könnte.

Heute lebe ich nicht mehr in dem Haus, in dem sich all das zugetragen hat, in dem ich aufgewachsen bin und ich in dem ich 18,5 Jahre meines Lebens verbracht habe. Im Februar '12 bin ich zu meinem Freund gezogen und nach der Eingewöhnungsphase, die eigentlich ziemlich kurz war, kann ich endlich wieder schlafen.
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starchild93



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BeitragVerfasst am: 25.01.2013, 08:28    Titel: Antworten mit Zitat

Was mich aber an der ganzen Geschichte fertig macht, ist der Zwiespalt in dem ich mich seither befinde. Einerseits fühle ich mich befreit seit meine Mutter nicht mehr da ist, da ich nun endlich mein Leben selbst bestimmen kann. Andererseits fühle ich mich wegen dieser Gefühle schuldig, immerhin war sie meine Mutter, auch wenn wir kein gutes Verhältnis zueinander hatten und sie immer extrem gluckenhaft war...
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billgate



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Beiträge: 1

BeitragVerfasst am: 16.03.2015, 05:41    Titel: sdrd Antworten mit Zitat

Der Empfang ging glatt über die Bühne, alle lobten Mama für ihr kulianrisches Können und wie toll sie das alles gemanagt hatte. Am 9. dann das große Zittern, da ich nicht nur die selbst gewählten Prüfungen ablegen musste sondern auch einen Zusatz in Mathe, da ich schriftlich geflogen war. Als wir erfuhren dass alle durch sind, das große Aufatmen. Am 10. war dann die große Abschlussfeier, unser Jahrgang hatte eine weiße Fahne geschafft (an meiner alten Schule ist es Tradition eine weiße Fahne zu hissen, wenn keiner durchgefallen ist). Da meine Paten nicht zu der Feier konnten, bereitete meine Mutter am 11. einen Sektempfang für sie vor, wieder Stress pur und sie wirkte schon wieder so fertig.








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Zuletzt bearbeitet von billgate am 30.12.2015, 07:37, insgesamt einmal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 13.06.2015, 15:10    Titel: Antworten mit Zitat

Man sollte stark sein und gebe dir nicht die schuld ! Wir können nie wissen was am nächsten tag passieren kann
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